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Autor: Karl Heinemann
Thema: Gericht und Heil

Der streitbare katholische Theologe Prof. Hans Küng hat in seinem neuesten Buch »Projekt Weltethos« (R. Piper, München) den Entwurf einer alle Religionen umfassenden Ökumene vorgestellt. Darin trägt er drei bedeutsame Forderungen vor:

  • kein menschliches Zusammenleben ohne ein Weltethos der Nationen;

  • kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen;

  • kein Friede unter den Religionen ohne Dialog unter den Religionen.

»Weltethos, Religionsfrieden, Weltfrieden«, unter diesen Gesichtspunkten versucht der Buchautor eine Zeitanalyse mit der Zielperspektive einer neuen Welteinheit (nach »Zeit«, Nr. 45, S. 45). Wie ist nun dieser Ansatz, diese neue Weltschau, von unserem Thema her zu beurteilen?

Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es einer biblisch begründeten Welt- und Heilsschau, die nur im Zusammenwirken folgender Grundwahrheiten zu gewinnen ist:

  • christozentrische Gottesschau;

  • biblisches Menschenbild;

  • fortschreitende Heilsoffenbarung bis Paulus;

  • neutestamentliches Gemeindeverständnis;

  • gottgewolltes Vollendungsziel.

Unter Berücksichtigung dieser fundamentalen Schriftwahrheiten ergibt sich dann eine heilsgeschichtliche Sichtweise, die das göttliche Heil stets mit den zugeordneten Gerichten verbindet bzw. die Wechselwirkungen von Gericht und Heil beachtet. So können wir jetzt schon die bekannte These formulieren:

Kein Heil ohne Gericht; aber auch kein Gericht ohne Heil.

Wer die Folgen des Sündenfalles mit der totalen Verderbtheit des Menschen nicht wahrhaben will, dem wird auch die Notwendigkeit des Opfertodes Jesu Christi mit seiner Gerichtsdramatik und dem damit verbundenen Heil verschlossen bleiben. Und die mit diesem Heilsgeschehen auf das engste verknüpfte Wiederherstellung der gesamten Schöpfung in Ökonomien (Haushaltungen) und Äonen (Zeitaltern, Weltzeiten) ist den nur wissenschaftlich-theologisch geschulten Menschen, wie z. B. Professor Küng, verborgen.

Alle Gerichte Gottes gipfeln in dem Kreuzestod Seines Sohnes, und alle Heilslinien treffen sich in diesem Erlösungswerk wie in einem Schnitt- und Brennpunkt. Nur aus diesem Heilsverständnis erwächst die geoffenbarte Einsicht in Gottes Heilsplan für die einzelnen Menschen, die Gemeinde Jesu Christi, das Volk Israel, alle Nationen und die gesamte Schöpfung. Wer die Prinzipien Gericht und Heil im Handeln Gottes in Welt- und Heilsgeschichte verkennt und ausklammert, wird bei der Analyse der Zeitereignisse und den Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Religion nur zu verwirrenden Ergebnissen gelangen.

Wir müssen uns nun zunächst um einer biblisch klaren Begrifflichkeit willen mit dem Terminus »Gericht« befassen. Bereits im AT wurde im Hebräischen unterschieden und fein differenziert:

  • Rechtshandlung, das Richten (din)

  • Rechtssache, Gerichtsurteil (mischpat)

  • Strafgericht, Gericht (schäphät)

Im Griechischen des NT werden ebenfalls unterschiedliche Wörter gebraucht:

  • Gerichtshandlung (Krisis)

  • Beschluss, Gerichtsurteil (Krima)

  • Verurteilung, Strafe (Katakrima)

(Vgl. H. Langenberg, Bibl. Begriffskonkordanz, S 205 ff.!)

Wir dürfen uns also bei der Erklärung und Verwendung des Begriffs »Gericht« nicht vordergründig von der Vorstellung oder gar dein Vorurteil der Bestrafung bzw. Rache leiten lassen, sondern müssen Gericht und Heil in ihrer heilsgeschichtlichen Bedeutung zu ergründen suchen. H. Langenberg schreibt dazu: »Gericht ist Zurechtbringung aufgrund der göttlichen Gerechtigkeit nach der göttlichen Rechtsnorm. Und diese ist durchaus positiv, also Durchführung des Rechts zum Zwecke der Heilung. Auch Bestrafung oder Verdammnis ist nicht im absoluten Sinne negativ, sondern stets dem positiven Zweck untergeordnet« (a. a. 0., S. 207).

Im folgenden sollen nun einige typische Gerichte und deren Heilskonsequenzen auf der Grundlage des Kreuzesgeschehens dargestellt werden.

Das Kreuz Jesu Christi

Die »Innenschau« des Kreuzes wird uns vom Apostel Paulus in Kol. 2, 14.15 offengelegt und beschrieben. Hier wird uns das Wesen der Gerechtigkeit Gottes enthüllt. Jesus am Kreuz wird als der aktiv Handelnde geschaut, indem Er selbst zur Gerechtigkeit Gottes (1. Kor. 1, 30) wird. Er befreit den glaubenden Menschen von der Anklage der Opposition und richtet selbst als unschuldig Verurteilter Seine Verkläger: »Er hat die uns entgegenstehende Handschrift (Schuldbrief) in Satzungen, die gegen uns war, ausgetilgt, Er hat sie aus der Mitte (Prozessakten) weggetan, indem Er sie ans Kreuz nagelte; als Er die Fürstentümer und die Gewalten völlig entwaffnet hatte, stellte Er sie öffentlich zur Schau und hielt über sie einen Triumph.« Und derselbe Apostel bezeugt in Röm. 5, 18: »Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch eine Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.« Auch Johannes sieht im Opfertod Jesu das Heil für alle Menschen begründet: »Und Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht aber allein für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt« (1. Joh. 2, 2).

In diesem Heilsakt wird das Wesen der Liebe Gottes offenbar. Der Mensch wird gerettet ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben an Christus, allein aus Gnaden. Diese Rettung umfasst Vergebung der Sünden, Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes sowie Erlösung aus dem Herrschaftsbereich Satans (vgl. Röm. 6-8). Die Annahme des vollgültigen Opfers Jesu durch den Vater hat die Auferweckung, Himmelfahrt und Inthronisierung Seines Sohnes zur Folge. Und für die glaubende Gemeinde bedeutet diese göttliche Legitimation ihre völlige Rechtfertigung, eine herrliche neue Stellung als Erstlinge im gesamten All und den Beginn der Neuschöpfung. Dieses Heil wirkt sich zunächst im Leben des Gläubigen vorrangig am erneuerten, inneren Menschen aus. Erst nach der Vollendung der Gemeinde wird ihre Vollerlösung als Frucht des Kreuzestodes Jesu und Seiner Erhöhung zum Vater offenbar (vgl. Kol. 3, 4; 1. Kor. 15, 52; 1. Joh. 3, 2).

Selbstgericht und Heilserfahrung

Die Aufgabe des Heiligen Geistes besteht nach den Aussagen Jesu darin, den Menschen von seiner Sünde zu überführen, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und das bereits vollzogene Gericht über Satan zu bezeugen (Joh. 16, 8-11). Wer nun diesem Zeugnis glaubt, d. h. das Gerichtsurteil über seinen verdienten Tod anerkennt und die Begnadigung, durch Jesu stellvertretendes Leiden göttlich-rechtlich ermöglicht, im Glauben annimmt, der kommt nicht in das Gericht: denn er ist vom Tode in das Leben übergegangen (Joh. 5, 24). Und Paulus schreibt den Ephesern: »Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme« (Kap. 2, 8.9).

Durch das ein für allemal gültige Opfer des Leibes Jesu Christi (Hebr. 10, 10) sind wir durch den Glauben begnadigt in dem Geliebten (Eph. 1, 7). Daher gibt es für diejenigen keine Verdammnis (Verdammungsurteil), die in Christo Jesu sind (Röm. 8, 1). Diese grundlegenden Heilswahrheiten führen uns zu einer doppelten Erkenntnis:

  1. Der Sühnetod Jesu genügt der Gerechtigkeit Gottes vollkommen und bedeutet unsere Heilsgrundlage.

  2. Nur indem wir uns im Selbsturteil und -gericht (durch den Heiligen Geist bewirkt) dem göttlichen Gnadenangebot öffnen, erfahren wir im Glauben unsere Freilösung (Kol. 1, 14; Eph. 1, 7).

Nun müssen der einmalige göttlich-juristische Heilsakt und unsere grundsätzliche Bejahung dieser Tatsache allerdings auch Konsequenzen für das persönliche Glaubensleben zeitigen. Denn Paulus stellt den Römern angesichts der die Sünde weit überragenden Gnade (Röm. 5, 20) die Frage: »Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme?« (Röm. 6, 1); und er antwortet selbst darauf im folgenden Vers: »Das sei ferne!« Der begnadigte Sünder soll also nicht im alten Zustand verbleiben, sondern kraft der Gnade Gottes auch ein verändertes Leben führen. Er soll der herrlichen Stellung gemäß nun wandeln lernen (Eph. 4, 1). Diese Folgerung führt aber zu gewaltigen Spannungen, die es recht zu erkennen und gottgemäß zu bewältigen gilt. Stellung und Zustand (Wandel) bilden zwei Pole im Glaubensleben, die nicht einseitig aufzulösen oder gar zu trennen sind. Gott sei Dank, sind auch die Prioritäten klar gesetzt: Was wir in Christo sind Lind haben, ist göttliches Fundamentund damit geistliche Wesenheit. Wie wir aufzubauen und was wir auszuwirken haben, ist Ausfluss Seiner Liebe und Kraft. Dieser Prozess vollzieht sich in ständiger Abhängigkeit im Glaubensgehorsam und nicht zwangsläufig automatisch. Der Gläubige kann aus dem Geist, aber auch aus seinem alten Wesen (Fleisch) heraus leben. Wandelt das Kind Gottes auf Sünden- und Ungehorsamswegen, dann muss Gott leider auch um Seiner Heiligkeit und Liebe willen zu Straf- und Gerichtsmaßnahmen greifen.

Paulus berichtet in 1. Kor. 5, 1-5 von dem Fall eines Unzüchtigen, den er im Namen des Herrn Jesus dem Satan zum Verderben des Fleisches übergeben hat, damit sein Geist am Tage des Herrn errettet wird. Und im selben Brief muss er die unheilige Praxis der Korinther bei der Mahlfeier rügen und auf die göttlichen Gerichte und Züchtigungen hinweisen: Schwachheit, Krankheit, vorzeitiger Tod. Die paulinisch-geistliche Ermahnung lautet in diesem Ursache-Wirkung-Zusammenhang: »Wenn wir uns selbst beurteilten (richteten), würden wir nicht gerichtet« (1. Kor. 11, 31). Der Zweck auch dieser Gerichtsmaßnahmen ist: »Wir werden gezüchtigt. damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden« (V. 32). Um einem Missverständnis vorzubeugen, sei an dieser Stelle aber auch vermerkt, dass nicht alle Leiden (z. B. Krankheiten) auf Ungehorsam und Sünde beruhen. Auch vielen Philippern muss Paulus bescheinigen, dass sie Verderben ernten werden, weil sie Feinde des Kreuzes sind und auf das Irdische sinnen (Phil. 3, 18.19).

Wir sollten daher bei aller Heils- und Gnadengewissheit doch auch den Ernst des würdigen Wandelns im Alltag bedenken und uns stets durchlichten und durchrichten lassen. Dies sollte allerdings nicht in psychologischer, gesetzlicher, verkrampfter Weise geschehen, sondern im Aufblick zu unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus, der sich aus Liebe für uns dahingegeben hat, um uns alles, was zum göttlichen Leben und Wandel dient, nach Seinem Reichtum zu schenken (vgl. 2. Petr. 1, 3.4).

Richterstuhl Christi und Vollendung der Gemeinde

Die Gemeinde Jesu Christi eilt einem herrlichen Vollendungsziel entgegen, das Paulus in Phil. 3, 14 mit dem »Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus« beschreibt. Das mit diesem Ziel aufs engste verbundene nächste heilsgeschichtliche Ereignis ist die sichtbare Vereinigung von Haupt und Gliedern, wenn alle bisher in Christo Entschlafenen und noch Lebenden bei der Parusie ihres Herrn verwandelt, entrückt und Ihm gleichgestaltet werden (1. Kor. 15, 51-53; 1. Thess. 4, 13-18; Kol. 3, 14; 1. Joh. 3, 2). Diese Naherwartung sollte die lebendige Gemeinde im Dienst vor bloßer Betriebsamkeit bewahren und bedeutet zugleich Ansporn und Trost,vom zukünftigen Zorn Gottes errettet zu werden (1. Thess. 1, 9.10; Kap. 5, 9). Ehe nun Christus Seine Gemeinde ohne Flecken und Runzel oder etwas dergleichen sich selbst darstellen kann (Eph. 5, 27), müssen alle Gläubigen (auch Paulus schließt sich mit ein) »vor dem Richterstuhl (bäma = Preisrichterbühne) Christi offenbar werden« (2. Kor. 5, 10). Dieser Prozess ist nicht zu verwechseln mit dem Gericht vor dem »weißen Thron« (Offb. 20, 11). Es wird hier nicht entschieden über Verlorengehen oder Errettung, sondern über die Treue der Gläubigen in Nachfolge und Dienst. In 1. Kor. 3, 11-17 wird diese Gerichtsart von Paulus klar und unmissverständlich beschrieben. Eines jeden Lebenswerk wird durch das Gerichtsfeuer erprobt und an dem Grund, der in Jesus Christus gelegt ist, bewertet und bemessen. Baut jemand nach eigener Vorstellung und aus eigener Leistung »Holz, Heu, Stroh« auf diesen Grund, so wird sein Werk verbrennen. Er selbst aber wird gerettet werden, jedoch wie durchs Feuer. Baut nun jemand »Gold (Treue, Glaube), Silber (Läuterung, Erlösung), Edelsteine (Herrlichkeit)«, so bleibt sein Werk bestehen. Im Gegensatz zu dem Nur-Geretteten, der Schaden erleidet, empfängt dieser Typus göttlichen Lohn. Es hat also nur das vom Heiligen Geist Gewirkte Ewigkeitsbestand.

Diese Gerichte an der Gemeinde Jesu Christi zeigen beispielhaft, wie alles Richten einem göttlichen pädagogischen Zweck dient. Nicht negatives Hinrichten, sondern positives Aufrichten, Herrichten und Ausrichten sind die Intentionen.

Die Zerbruchswege Israels und seine endgültige Errettung

Die Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes kennzeichnet ein ständiger Wechsel von Gesetzessegnungen und Fluchgerichten, begründet auf Gottes Rechtsnorm in dem einzigen theokratischen Staat auf dieser Erde. Zeiten der Prüfung, der Züchtigung und des Gerichts wechselten mit Zeiten der Verheißungserfüllung, der Sicherheit und des Friedens. Die schärfsten Gerichtsmaßnahmen infolge des Ungehorsams der Obersten und des Volkes betrafen die Wegführung der Bevölkerung des Nordreiches durch die Assyrer und die babylonische Gefangenschaft Judas.

Selbst die Wirksamkeit Jesu mit Zeichen, Wundern, gewaltigen Predigten, Sein Leiden und Sterben sowie die vollmächtige Botschaft der Apostel vermochten das restliche Israel-Juda nicht zum Heil zu führen. Bis auf einen geringen Überrest, der dem Leib des Christus zuzuordnen ist, wurde das Volk der Verstockung preisgegeben. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer hörte auch der Reststaat auf zu existieren. Jesu Gerichtsandrohung war etwa 40 Jahre nach Seinen prophetischen Reden erfüllt worden. Aber auch dieses Verstockungsgericht mit all den furchtbaren Auswirkungen in Gestalt vieler Judenpogrome bis in die jüngste Vergangenheit hinein (Holocaust) bedeuten nicht das letzte Urteil Gottes über Sein erwähltes Volk.

Paulus darf im Auftrag des erhöhten Herrn in Röm. 11, 25 verkünden: »Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, und so wird ganz Israel errettet werden.« Diese Ganz-Errettung vollzieht sich in Etappen und stets in Verbindung mit Zerbruchswegen und Heimsuchungen. So grauenvoll die Vernichtungsmaschinerie der Nazis an den Juden auch handelte, so ist doch das Ergebnis eine Wiederaufnahme des Heilshandelns Gottes an Seinem Erstlingsvolk, »denn die Gnadengaben und Berufung Gottes sind unbereubar« (Röm. 11, 29). Zum erstenmal seit der fast zweitausendjährigen Diaspora durften Erstlinge des ruhelosen Gottesvolkes wieder im Lande der Väter einen eigenen Staat gründen (1948). Dieses historische Ereignis ist sicher eine Anfangserfüllung der Vision des Propheten Hesekiel, in der er das Zusammenrücken der Totengebeine des Hauses Israel schaut. Die nächsten Etappen werden sein: Sehnen, Fleisch und Haut werden gebildet; danach wird der Odem Gottes die Toten lebendig machen und ein großes Heer auf seinen Füßen stehen. »Diese Gebeine sind das ganze Haus Israel« (Hes. 37, 1-11).

Bis zu dieser Enderfüllung wird das leidgeprüfte Israel aber noch Gerichtsprozesse erleben müssen, sodass Paulus angesichts dieser Entwicklung ausruft: »Wie unausforschlich sind Gottes Gerichte und unausspürbar Seine Wege« (Röm. 11, 33).

Zunächst kommt nach Offb. 7, 3-8 eine Erstlingsschar von 144000 Israeliten (aus jedem Stamm je 12000) zum Glauben. Das politische Israel jedoch wird leider noch mit dem letzten Weltherrscher (dem Gesetzlosen) einen Bund schließen, dem allerdings ein Gericht folgt, das bereits Daniel vorherschaut: »Und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen. Und wegen der Beschirmung der Greuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden« (Dan. 9, 27). Dass dieses Gerichtsereignis noch zukünftig ist, geht aus der Gesamtdarstellung der letzten 70. Jahrwoche hervor, der Herrschaftszeit des Antichristen, die in 2 x 3 ½ Jahre gegliedert ist und genau den Zeitangaben Daniels entspricht (Dan. 9, 27a; Kap. 12, 7.11.12). Die zweite Hälfte dieser 70. Jahrwoche enthält auch die schlimmsten Gerichte, die je auf dieser Erde stattfinden: die Zornschalengerichte, die bereits von den Gerichtspropheten des AT in Verbindung mit dem Tag des Grimms und Zorns vorausgesagt wurden. Sacharja sieht in dieser letzten Drangsalszeit, wenn alle Nationen sich gegen das Auswahlvolk wenden und Jerusalem noch einmal bedroht wird, jedoch auch Israels Errettung. Wenn dann endlich der Messias auf dem Ölberg erscheinen wird, kann die völkische Buße Israels eingeleitet werden (Sach. 14, 1-5). Diese Parusie ist von Johannes auf Patmos geschaut worden, als er »im Geist am Tage des Herrn war« (Offb. 1, 10). Der in den Wolken kommende Herr wird dann für jedes Auge sichtbar sein, und alle Stämme des Landes werden Seinetwegen, in den sie gestochen haben, wehklagen (Offb. 1, 7). Dann kann Gott beginnen, über das Haus Davids und die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Gebets auszugießen (Sach. 12, 7). Das von Jesaja und anderen Propheten vorhergesagte Königreich des Messias auf Erden wird nun sichtbar erscheinen, und das durch Gerichte zurechtgebrachte Volk Israel wird bekennen: »Ich preise Dich, Jehovah; denn Du warst gegen mich erzürnt: Dein Zorn hat sich gewendet und Du hast mich getröstet. Siehe, Gott ist mein Heil, ich vertraue und fürchte mich nicht; denn Jehovah ist meine Stärke und mein Gesang, und Er ist mir zum Heil geworden« (Jes. 12, 1.2).

Die letzte Stufe der Herrlichkeit wird Israel allerdings erst auf der neuen Erde erreichen, wenn keinerlei Fluch mehr herrschen wird, sondern die Herrlichkeit Gottes selbst das neue Jerusalem erfüllen wird (Offb. 21).

Das Gericht an den Nationen und ihre Heilung

Israel ist das Modell für alle Völker auf dem Wege von Gericht und Heil. So weist auch die Geschichte aller Nationen auf diese Wechselbeziehung und Zielorientierung hin. Die Bibel schildert uns einige typische Gerichtsarten mit den notwendigen Informationen über ihre Hintergründe. Den bibelkundigen Lesern sind Ursache, Gerichtsandrohung und -durchführung sowie ihre Folgen bekannt, so dass wir uns hier mit der Aufzählung der wichtigsten Gerichte begnügen können:

  • Sintflut;

  • Babylonische Sprachenverwirrung;

  • Untergang von Sodom und Gomorra;

  • Austreibung bzw. Vernichtung der kanaanitischen Völker durch Israel;

  • Gericht über die vier Reiche mit Raubtiercharakter nach Daniel (Babylonisches Reich, Medo-Persien, Griechenland, Römisches Reich).

Die Bibel ist kein profanes Geschichtsbuch, sie beschreibt Völkerentwicklungen nur im heilsgeschichtlichen Interesse und besonders im Verhältnis zu Israel. Wenn auch kein konkreter prophetischer Hinweis auf Deutschland in der Schrift zu finden ist, so können wir doch die katastrophalen Folgen des 2. Weltkrieges als Gericht Gottes an unserem Volk erkennen. »Denn wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an« (Sach. 2, 12).

Gott richtet nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Völker bzw. Nationen in ihrer Gesamtheit. Am Ende dieses Äons wird die gesamte Menschheit von verschiedenartigen Gerichten in Gestalt von Umweltkatastrophen, Hungersnöten und Kriegen heimgesucht. Darüber berichtet die Offenbarung eingehend in den von Johannes geschauten Siegel-, Posaunen- und Zornschalengerichten. Und auch Jesus weist in Seinen Endzeitreden auf diese globalen Drangsale hin, die der Aufrichtung Seines Friedensreiches auf dieser Erde vorausgehen (Matth. 24; Luk. 21).

Über die Teilnahme an den Segnungen des Tausendjährigen Reiches entscheidet wiederum ein Gericht, über das in Matth. 25, 31-46 berichtet wird. Bei diesem Gericht über die Nationen wird nicht der Glaube an Jesus Christus, sondern werden die guten Taten und humanitären Werke »an den geringsten der Brüder des Königs« (V. 40) das entscheidende Kriterium sein. Außerdem muss beachtet werden, dass dieses den Gerechten zugeteilte Erbe im Königreich »von Grundlegung der Welt an« (V. 34) bereitet ist, wahrend die Leibesgemeinde der Gnadenhaushaltung »vor Grundlegung der Welt« (Eph. 1, 4) erwählt wurde. Die »geringsten Brüder« (V. 40) finden wir sowohl unter den Erretteten der großen Drangsal der Endzeit wie auch bei den messianisch-gläubigen Israeliten und gewiss auch bei den gesetzestreuen Gläubigen Israels.

Die zur »äonischen Pein« und »Feuerqual« Verdammten (V. 41 und 46) werden einer gerechten Strafe aufgrund ihres irdischen Verhaltens zugeführt, ähnlich dem reichen Mann, der – nach dem Gleichnis Jesu – in den »Flammen« Qualen erleidet. Auch an dieser Stelle muss bemerkt werden, dass diese »Feuerqualen« nicht mit dem zweiten Tod im »Feuersee« in Offb. 20 gleichzusetzen sind, sondern zunächst nur den Aufenthaltsort der Nicht-Erretteten im Totenreich (Hades) markieren. Das letzte Gerichtsurteil ist für diese Menschengruppen noch nicht gesprochen.

Leider bringen auch die segensreichen 1000 Jahre während der Königsherrschaft Christi noch nicht die totale innere Erneuerung der Völkerwelt. Satan, der während dieses Äons gebunden war, darf noch einmal – wie in einem letzten Testversuch – die Völker verführen, um sie zum Krieg zu versammeln (»Gog und Magog«; Offb. 20, 7.8). Diese Rebellion endet mit einem vernichtenden Feuergericht vom Himmel. Satan, das Tier und der falsche Prophet werden in den Feuersee geworfen und von Äon zu Äon gepeinigt.

Trotz all dieser schaurigen Plagen und grauenvollen Gerichte in der letzten Jahrwoche und am Ende des Tausendjahrreiches darf der Seher Johannes das Ziel dieser Gerichte erkennen: »Groß und wunderbar sind Deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger. Gerecht und wahrhaftig sind Deine Wege, o König der Völker. Wer sollte nicht fürchten, Herr, und verherrlichen Deinen Namen? Denn Du allein bist heilig; denn alle Völker werden kommen und vor Dir anbeten, weil Deine gerechten Taten offenbar geworden sind« (Offb. 15, 3.4).

Vorläufige Gerichte an Lebenden und das Endgericht über alle Toten

Jeder Mensch wird einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen, gemessen an seinen innersten Beweggründen, seinem Tun, seinen Unterlassungssünden; ja sein ganzes Person-Sein wird – je nach seiner Erkenntnis – gerecht von Gott, dem Richter über Tote und Lebendige, durchleuchtet und durchrichtet. »Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten, was der Mensch sät, das wird er auch ernten« (Gal. 6, 7), so lautet ein göttliches Prinzip, das durchgängig in der Heiligen Schrift zu finden ist. Manch eine katastrophale »Ernte« wurde oft schon zu Lebzeiten sichtbar, wenn das Wort Gottes die Zusammenhänge von Saat und Ernte, Ursache und Wirkung enthüllte. Einige dieser typischen Fälle seien angeführt:

  • Der sofort eintretende geistliche Tod des ersten Menschenpaares nach dem Sündenfall und die Austreibung aus dem Paradies (1. Mose 3);

  • der Tod des Kindes nach Davids Ehebruch mit Bathseba (2. Sam. 12);

  • Verrat des Judas an Jesus, seine satanische Besessenheit und sein Selbstmord (Matth. 26, 27);

  • Ananias und Saphiras Bestrafung mit dem sofortigen Tod nach ihrem Betrug und ihrer Lüge (Apg. 5);

  • direkter Zusammenhang zwischen persönlicher Sünde und Krankheit (Jak. 5);

  • das Gericht an dem Tier und falschen Propheten durch Christus: lebendig in den Feuersee geworfen (Offb. 19) (noch zukünftig).

Diese Ereignisse können nur exemplarischen Charakter haben und sind keineswegs auf alle unzähligen Einzelfälle zu übertragen. Würde übrigens Gott – dessen Wesensart außer Heiligkeit und Gerechtigkeit primär Liebe und Erbarmen aufweist – sofort gerichtsmäßig handeln, wäre die Menschheit wohl kaum noch vorhanden.

Die zu Lebzeiten der Menschen offenbar werdenden Gerichte sind ausnahmslos vorläufiger Art und sollten vor allem nicht mit subjektiver Kritik bedacht werden. Der Mensch sieht oft nur das Vordergründige. Gott allein vermag die wahren Motive zu ergründen. Deshalb sollten wir uns bei allem Prüfen und Beurteilen vor dem Richten und Verurteilen hüten (Röm. 14, 13; Jak. 4, 11.12).

So dürfen wir getrost Gott in Seinem Endgericht die Klärung und Beurteilung aller Rechts- und Unrechtsprobleme überlassen. Hier erfolgt die letzte Abrechnung vor dem alles durchdringenden Gott des Lichtes. Johannes schaut »den weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden« (Offb. 20, 11.12). Danach erblickt er die Toten vor dem Thron, die erst 1000 Jahre nach der ersten Auferstehung lebendig wurden. Sie alle, ob einflussreich oder gering, wo immer sie auch ihr irdisches Leben verloren haben mögen, ob auf dem Lande oder im Meer, sie müssen sich nun nach ihren aufgezeichneten Werken richten lassen (Offb. 20, 12-15). Hier kann nichts mehr verheimlicht, verschwiegen oder geleugnet werden. Wie erschreckend und tröstlich zugleich ist doch diese Endgerichtsperspektive, wenn wir an all die zahllosen begangenen Fehler, Ungerechtigkeiten, Lieblosigkeiten, Versäumnisse, Schikanen und Verbrechen – aber auch an die vielen Hilfen, sozialen Taten, Opfer und Liebesbeweise aller Menschen, die je diese Erde bewohnten, denken! Über Tod und Leben entscheidet zwar einzig der Glaube an den Erretter, aber die unterschiedlichen Lebenstaten und -werke werden auch absolut gerecht beurteilt. So wird das Maß der Verurteilung und Strafe auch differenziert ausfallen. Das jedenfalls deutet schon Jesus an, wenn Er den Bewohnern von Tyrus und Sidon ein erträglicheres Gerichtsurteil zuspricht als denen von Kapernaum (Luk. 10, 14). Und auch im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht klingt das Verhältnis von Straftat zu Strafmaß an: »... bis er alles bezahlte, was er schuldig war« (Matth. 18, 34). – Alle nicht im Lebensbuch Verzeichneten müssen allerdings den zweiten Tod erleiden.

Der Feuersee – endlose Qual?

An dieser Frage scheiden sich leider die Geister auch vieler wiedergeborener Christen. Ja, die Haltung zahlreicher Gläubiger geht soweit, dass sie diejenigen, die in der Aufhebung dieses Zustandes durch Beseitigung des letzten Feindes (1. Kor. 15, 26) schließlich eine Errettung aller Menschen erkennen, als Irrlehrer bezeichnen. Es kann nicht Aufgabe dieses Artikels sein, alle Pro- und Contra-Argumente der Thematik »Allversöhnung« darzustellen; das hat Heinz Schumacher in seinem Buch »Versöhnung des Alls – Gottes Wille« sachkundig und gründlich getan. Auch auf die vielen Bibelstellen, die letztendlich den Sieg des Gottes der Versöhnung und des Erbarmens über das Gericht beweisen, muss ich größtenteils verzichten. Statt dessen möchte ich einige tiefsinnige Fragen mit Antwortcharakter von Pfr. Chr. Gottlob Pregizer (1751-1824) aus einem Katalog von 52 Punkten herausgreifen:

  • Muss nicht Christus kraft der göttlichen Verheißung der Schlange den Kopf zertreten?

  • st Adams Sünde, uns zu verdammen, nicht stärker als das Verdienst Christi, wenn es keine ewige Erlösung gibt?

  • Lehrt nicht Paulus 1. Kor. 15, 22, dass, wie sie in Adam alle sterben, also alle in Christo wieder lebendig gemacht werden?

  • Muss nicht der erste Wille Gottes geschehen, da Er will, dass allen Menschen geholfen werde?

  • Kann etwas ewig währen ohne alles Ende, was nicht von einem ewigen Prinzip seinen Ursprung hat?

  • Redet die Schrift nicht von vielen Ewigkeiten, die aufeinander folgen (Äonen, Eph. 2, 7), und sind viele tausend Jahre für die Menschen in der Qual nicht genug Straf-Ewigkeiten?

  • Hat Gott nicht beschlossen alle unter den Unglauben, auf das Er sich aller erbarme?

  • Wird Christus nicht den letzten Feind, welches ist der Tod, aufheben (1. Kor. 15, 26)?

  • Da dem also ist, so fragt sich's, ob der erste oder der andere Tod der letzte Feind sei?

  • Da es nun unstreitig der andere ist, so fragt sich's, ob derselbe nicht der feurige Pfuhl sei nach Offb. 20, 14?

  • So nun der feurige Pfuhl soll aufgehoben werden, wie können dann in Ewigkeit, solange Gott wird Gott sein, Verdammte übrig bleiben, die nirgendwo anders als im Pfuhl ihr Gericht haben?

  • Sind nicht alle Kreaturen wirklich und wahrhaftig als Lober Gottes von Johannes gesehen und gehört worden? (Die Pregizer-Gemeinschaft).

Auf die letzte Frage möchte ich mit dem direkten Bibelzitat antworten: »Und jedes Geschöpf, das im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meer ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm den Lobpreis und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit« (Offb. 5, 13.14)!

Und diese Stelle korrespondiert inhaltlich genau mit dem Pauluswort in Phil. 2, 10.11: »Damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge, der Himmlischen, der Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.« – Nun wissen wir, dass ohne Heiligen Geist niemand Jesum einen Herrn nennen kann; also kann das auch kein Zwangsbekenntnis sein, wie etliche behaupten wollen. So dürfen wir freudig den Triumph unseres herrlichen Gottes proklamieren, der einmal alles sein wird in allen (1. Kor. 15, 28).

Bis zu diesem Endziel werden noch manche Gerichts- und Heilsepochen vergehen. Und die gesamte Schöpfung wartet jetzt schon darauf, von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit zu werden. Das führt aber nur über das Offenbarwerden der Söhne Gottes (Röm. 8, 19-22) und ihre Mitwirkung an diesem Vollendungsprozess. »Denn so viele der Verheißungen Gottes es gibt, in Ihm ist das Ja, deshalb auch durch Ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns« (2. Kor. 1, 20). Deshalb lasst uns die Mahnung beherzigen, auszuharren und mitzuleiden, damit wir auch mitherrschen (2. Tim, 2, 12)!

Fazit: Nur das Wort Gottes kann uns durch das geoffenbarte Geheimnis Seines Willens letzte Ziele Gottes in Heilsgeschichte und Weltvollendung aufschließen. Alle anderen Wege, die Menschheitsgeschichte in Frieden und Gerechtigkeit zu gestalten – und seien sie noch so religiös begründet – werden doch wiederum in Enttäuschung, Not, Leiden und Katastrophen enden.

Deshalb gilt für uns das Prinzip:

Kein Heil ohne Gericht, aber auch kein Gericht ohne Heil!

(Quelle unbekannt; Copyright by Karl Heinemann)