Die Gerichte Gottes — ihr Sinn und ihr Zweck

Autor: Heinz Schumacher

Das Zeugnis vom göttlichen Richten nimmt in der Schrift einen breiten Raum ein. Wir würden vom ganzen Ratschluß Gottes etwas zurückhalten und uns dadurch am Blute anderer schuldig machen (Apg. 20, 26.27), wenn wir es verschweigen oder auch nur verkürzen würden. Und vielleicht wäre die Ablehnung der Botschaft von der allumfassenden und auch alle erreichenden Gnade Gottes in christlichen Kreisen geringer, wenn sie nie und nirgendwo auf Kosten des Gerichtsernstes verkündigt worden wäre.

Wir finden in der Heiligen Schrift Worte, die ganz allgemein über das Richten Gottes, seinen Sinn und Zweck, seine Ziele und Begrenzungen etwas aussagen. Diese möchten wir an den Anfang unserer Arbeit stellen. — Sodann veranschaulicht uns die Bibel im einzelnen das göttliche Gerichtsverfahren, wenn sie von bestimmten Gerichten der Vergangenheit oder Zukunft redet, von denen eines geradezu das gottgesetzte “Beispiel” ewigen Feuergerichtes genannt wird. — Andere Beispiele enthüllen uns die einzelnen Stationen des Zerbruchsweges, den das Geschöpf im göttlichen Gerichtsprozeß innerlich zu durchlaufen hat. — Schließlich ist es zu beachten, daß des öfteren hoffnungslos klingende Gerichtsankündigungen später dahingehend von Gott erläutert werden, daß am Ende solcher Gerichte dennoch Rettung, Befreiung, Wiederherstellung und Hoffnung steht; ferner daß die am häufigsten gebrauchten Ausdrücke in der Gerichtssprache der Bibel ihrer Wortbedeutung oder ihrem biblischen Gebrauch nach die Hoffnung auf Wiederherstellung teils durchaus offenlassen, teils geradezu in Aussicht stellen.

1. Allgemeine Schriftaussagen über Sinn und Zweck, Ziel und Ende des göttlichen Richtens

Eine Reihe von Schriftaussagen Alten und Neuen Testamentes belehrt uns ganz allgemein darüber, daß

  1. Gottes Barmherzigkeit größer ist als Sein Zorn;
  2. Seine Gerichte sinnvoll, zweckmäßig, zielstrebig und notwendig sind;
  3. Seinen Gerichten von Gott selbst bestimmte Grenzen gesetzt sind.

a) Gott selbst stellt sich in 2. Mo. 34, 6.7 Seinem Knecht und Freund Mose mit folgender Selbstbezeichnung vor:

“Jehova, Jehova, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt — aber keineswegs hält Er für schuldlos den Schuldigen — der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, am dritten und am vierten Gliede.”

In diesen Worten kommt sowohl die Heiligkeit Gottes zu ihrem vollen Recht (”keineswegs hält Er für schuldlos den Schuldigen”) als auch Seine vergebende Güte und Barmherzigkeit. Und es ist unverkennbar, daß die letztere im Sein und Handeln Gottes ein viel größeres Gewicht besitzt. Gott ist “langsam zum Zorn” und “groß an Güte”; Er bewahrt die Güte “auf Tausende hin” und sucht die Ungerechtigkeit der Väter heim bis “am dritten und am vierten Gliede”. Dieses Verhältnis von 1000 zu 3-4, wenn man es einmal mathematisch so ausdrücken darf, findet sich auch in 2. Mo. 20, 5.6 ausgesprochen und liegt auch dem endgeschichtlichen Handeln Gottes mit Israel und der Völkerwelt zugrunde. Gott wird die Zeit der Drangsal und des Zornes auf 3,5 Jahre verkürzen — siehe Matth. 24, 22; Offb. 13, 5; 12, 6 u. 14 —, um anschließend 1000 Jahre lang Seinen Segen über die Erde zu ergießen. Auch Ps. 103, 8.9 stellt Gottes Barmherzigkeit, Güte und Gnade in ähnlicher Weise Seinem Zorn gegenüber.

Eine neutestamentliche Bestätigung dieser Worte gibt uns der Apostel Jakobus mit den Worten (Kap. 2, 13 b): “Die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht” (oder: triumphiert über das Gericht).

b) Der Sinn der Gerichte Gottes ist ein mehrfacher, wie dies in besonderer Klarheit Pfr. Widmer in seiner Broschüre “Von den letzten Dingen” hervorhebt, indem er “Gericht, das zur Erkenntnis führt”, “Gericht als Erziehung” und “Gericht als Vergeltung” nebeneinander stellt. Wir zitieren daraus die folgenden Sätze:

“Es gibt ein Gericht, das zur Erkenntnis führt, daß Gott Herr ist über allen. Dieser Tatsache begegnen wir hauptsächlich beim Propheten Hesekiel. 46mal kommt bei ihm der Satz vor: ‘Damit ihr erkennet, daß Ich, der Herr, es bin’, und zwar steht dieser Ausspruch immer im Zusammenhang mit dem Gericht. Das Gericht ist also hier deutlich ein Bestandteil des Rettungsplanes Gottes.

Gericht ist auch (nicht ausschließlich) Erziehung. Das bezeugen uns schon die Worte ‘paideuein’ (erziehen, züchtigen, unterrichten: Luk. 23, 16.22; 1. Kor. 11, 32; Tit. 2, 11) und ‘kolasis’ (Strafe zu dem Zweck, dass der Gestrafte sich bessere: Matth. 25, 46; 1. Joh. 4, 18). Dann vor allem die beiden Stellen 1. Kor. 5, 5 und 1. Tim. 1, 20. Wenn Paulus dem Timotheus zutraut, daß er die ‘Widerstrebenden mit Sanftmut zurechtbringen’ kann, glauben wir dann nicht, daß solches dem himmlischen Herrn weit besser gelingt?

Nun gibt es aber Gericht auch als reine Vergeltung. Darum spricht die Heilige Schrift im Zusammenhang mit dem Gericht auch von Bezahlung und Vergeltung. Gott tritt an Seinem Tag als Vergelter auf (5. Mo. 32, 35) … Ganz den verübten Werken entsprechend wird der Herr bezahlen (Jes. 59, 18). Der Mensch muß seine Vergehen bezahlen, ganz gleich, welche Folgen eintreten … Gerade in diesem Zusammenhang ist mit allem Nachdruck auf das kleine Wörtlein ‘bis’ hinzuweisen in den Stellen Matth. 5, 26 und 18, 34 (auch 23, 39). Die Strafe im Sinne von Bezahlung findet also ihr Ende. Es ist somit eine befristete Vergeltung.”

Wir stimmen diesen Worten voll zu und betonen, daß die genannten Gerichtsarten nun aber einander nicht etwa ausschließen, so daß ein Gericht zur Vergeltung keinen erzieherischen Wert haben oder ein Gericht der Erziehung nicht zugleich Vergeltung sein könnte. Vielmehr glauben wir, daß alles Gericht, auch wenn es vergeltenden Charakter trägt, zugleich der Erziehung und dem Heile dient. Das bezeugen uns nicht nur die weiter unten aufgeführten Gerichtsbeispiele und die Bedeutungen der Ausdrücke “kolasis” und “basanos” (die auch Vergeltungsgerichten beigelegt werden, z. B. in Matth. 25, 46), sondern es wird vor allem ausgesprochen in dem ganz allgemein und ausnahmslos für alle Gerichte Gottes gültigen Wort Jesu in Joh. 5, 22.23a:

“Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat Er dem Sohne gegeben, auf daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.”

Dieses Wort des Heilandes stellt alle Gerichte Gottes, die seit den Tagen Jesu über irgendwelche Geschöpfe kamen oder in Zukunft noch kommen werden, zunächst einmal als Tätigkeiten Jesu dar, des Heilandes, der die Welt am Kreuz mit Gott versöhnte. Es entspricht genau dem Wesen dieses Herrn, daß wir weiter aus Seinem Munde hören, daß dieses ganze Gericht dem Ziele dient, daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.

Zum rechten Verständnis dieses Wortes muß daran erinnert werden, daß es zu Israeliten gesprochen wurde, zu Menschen, die den einen Gott Jehovah seit den Tagen der babylonischen Gefangenschaft des Volkes ausnahmslos und eifrigst verehrten (vergl. Apg. 22, 3: “Ich war, wie ihr alle heute seid, ein Eiferer für Gott”). Aber den Sohn anerkannten sie nicht und lehnten Ihn ab. Der Herr stellt ihnen in Aussicht, daß die Gerichte Gottes sie dahin führen würden, den Sohn einmal ebenso eifrig wie jetzt schon den Vater zu verehren (vergl. ganz ähnliche Gedankengänge in Matth. 23, 37-39).

Sicherlich läßt sich geltend machen, daß die “Ehrung des Vaters” von seiten Israels in den Tagen Jesu noch recht unvollkommen, eigenwillig und zum Teil selbstgerecht war. Aber konnte es vor Golgatha und vor dem Erlebnis einer wirklichen Errettung und Wiedergeburt des Volkes anders sein? Auf jeden Fall nahm es das Volk und nahmen es gerade die “Eiferer” mit ihrer Gottesverehrung heilig ernst. Es kann keine Rede davon sein, daß sie etwa als Gezwungene, Vergewaltigte mit innerstem Widerstreben Jehovah geehrt hätten. Einen solchen Zug darf man deshalb auch in die Weissagung des Herrn nicht hineinlegen. Alles Gericht soll vielmehr dazu dienen, daß die Gerichteten freiwillig und bereitwillig Gott und Christus verehren und dienen, so wie es in Israel damals, auf seiner noch beschränkten Stufe der Offenbarung und Erkenntnis Gottes, Jehovah gegenüber der Fall war.

Weil aber der Herr in Joh. 5, 22.23 nicht nur vom Gericht über Israel spricht, sondern schlechthin von “allem Gericht”, und weil auch der Zusammenhang in Joh. 5, 19-29 nicht auf Israel beschränkt ist, sondern alle Menschen, insbesondere auch alle Toten umfaßt, gelten diese Worte allen Menschen überhaupt, insbesondere hinsichtlich der großen kommenden Weltgerichte (Matth. 25, 31-46; Offb. 11-15). Sie dienen alle dem Zwecke der Ehrung und Verherrlichung des Vaters und des Sohnes. Phil. 2, 10.11 und Offb. 5, 13 bestätigen uns in Form eines paulinischen Lehrwortes und einer johanneischen Schau diese wichtige Weissagung Jesu.

Strafe und Selbsterkenntnis einerseits, Erziehung und Gotteserkenntnis andererseits, das ist der mehrfache und doch durchaus miteinander harmonierende Sinn der Gerichte Gottes. Wer dies alles durch die Gnade nicht lernte, muß es im Gericht erfahren.

Der englische Schriftausleger Jukes schrieb hierzu:

“Gott übergibt selbst Christen dem Satan zum Verderben ihres Fleisches, damit sie auf diese Weise das lernen, was die Gnade sie nicht gelehrt hat. Wenn wir weiterer Beispiele bedürfen, so sehen wir an Nebukadnezar, wie das Gericht an dem Menschen das zuwege bringt, was die Güte nicht erreichen konnte. Mit Gaben reich gesegnet, verliert er durch Selbstüberhebung seinen Verstand. Das Heilmittel besteht darin, daß er wie ein Tier wird. Und als ein Tier lernt er dann, was er als Mensch nicht gelernt hatte (Dan. 4, 29-34). Gnade rettet nur solche, die verdammt sind; und erst, wenn wir das Amt des Todes und der Verdammnis gefühlt haben, erkennen wir völlig das Amt des Lebens und der Gerechtigkeit.”

Der Eigenwille und die stolze Selbstbehauptung des Geschöpfes müssen als sinnlos und frevelhaft, Gott auf der anderen Seite muß zunächst als der Wirkliche, Seiende erkannt werden, dann aber auch als der Starke, Sieghafte, Unwiderstehliche und schließlich auch als der Versöhnende, Liebende, neue Hoffnung Gewährende. Erst dann kann und wird der Sohn wie der Vater geehrt werden, und zwar, wie Offb. 5, 13 uns als Erläuterung von Joh. 5, 22.23a zeigen kann, in Seiner Eigenschaft als das Lamm, also als der, der die Sünden der Welt wegtrug (Joh. 1, 29).

Vom Sinn und von der Notwendigkeit der Gerichte Gottes spricht auch Jes. 26, 9.10 mit den Worten:

“Wenn Deine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises. Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit: im Lande der Geradheit handelt er unrecht und sieht nicht die Majestät Jehovahs.”

Hier wird es klar ausgesprochen, daß Gott — auch als der Gott der Liebe — dem Gesetzlosen gegenüber gar nicht anders handeln kann, als ihn ins Gericht zu führen. Gnadenerweisungen ohne vorausgegangene schmerzliche Durchlichtung würden ihn nur in seiner falschen Einstellung des Trotzes und Eigenwillens bestärken. Gerade weil Gott will, daß auch der Gesetzlose Gerechtigkeit lernt, muß Er ihn richten. Von dieser Stelle aus wird besonders deutlich, wie verfehlt es ist, aus den großen Gerichten, die Gott die Erde treffen läßt, zu schließen, daß Seine Liebe den Erdbewohnern gegenüber nun ein Ende habe. Das Gegenteil ist der Fall! Weil Gott auch die Ungerechten und Gesetzlosen Gerechtigkeit lehren, d. h. in Übereinstimmung mit Seinen göttlichen Normen und Seinem Willen bringen will, muß Er sie ins Gericht führen.

c) Die Grenze aller Gerichte Gottes zeigt besonders klar das Prophetenwort Jes. 57, 15 u. 16, das wir in sehr schöner und zugleich urtextnaher Weise in der katholischen Bibel von Hamp-Stenzel-Kürzinger (erschienen 1956) übersetzt fanden und danach auch nachstehend zitieren:

“Denn also spricht, der da hoch und erhaben, ‘Ewigwohnender’ und ‘Heiliger’ ist Sein Name: In der Höhe und als Heiliger throne Ich und bin doch bei den im Geiste Zerschlagenen und Gebeugten, um zu erquicken der Gebeugten Geist, um zu beleben der Zerschlagenen Sinn. Denn nicht auf ewig streite Ich, und nicht immerfort grolle Ich, sonst verschmachtet ja vor Mir ihr Lebensgeist und der Lebensodem (dasselbe Wort wie in 1. Mose 2, 7: “Odem des Lebens”; nicht: Seele = psyche), den Ich erschaffen.”

Obwohl im Zusammenhang von Gottes Richten an Israel die Rede ist, ist doch die göttliche Begründung “ihr Lebensgeist und der Lebensodem verschmachtet sonst, den Ich erschaffen” so allgemeiner Natur — denn Er hat ja nicht nur den Lebensgeist und Lebensodem der Israeliten gemacht! —, daß eine allgemeine Anwendung erlaubt sein dürfte.

Gott kann nur bei Zerschlagenen und Gebeugten wohnen. Daher muß Er im Gericht alle die zerschlagen und beugen, die sich nicht im Selbstgericht freiwillig vor Ihm demütigen. Keineswegs zerschlägt Er, um die Zerschlagenen umkommen zu lassen, um sie zu vernichten oder endlos zu quälen; vielmehr, um sie wieder zu beleben und umzuformen zu Wohnungen und Tempeln für Sich selbst. So bezeugt uns auch Ps. 51, 17: “Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten.” Und Ps. 145,14: “Jehovah stützt alle Fallenden und richtet auf alle Niedergebeugten.”

Stellen wir uns nicht in Widerspruch zu diesem Gotteswort, wenn wir irgendeinen Fallenden und Niedergebeugten aller Zeiten und Welten davon ausnehmen wollen?

Und noch mehr dürfen wir unserem angeführten Jesajawort entnehmen: Wohl in kaum einem sonstigen Schriftwort ist die Grenze aller Gerichte Gottes so deutlich umrissen und festgelegt wie in Jes. 57, 16. Wohl zerschlägt und beugt Gott die Menschen, ja Er kann Seine Gerichte so weit gehen lassen, daß Leib und Seele (psyche!) des Menschen verderben (Matth. 10, 28). Den göttlichen Odem aber, den Er einst dem Menschen bei seiner Erschaffung einblies (1. Mo. 2, 7), seinen Geist, läßt Er unangetastet. Damit würde Er ja den tiefsten Wesenskern des Menschen treffen, ihn völlig auslöschen. Dort, im Geiste, setzt ja bei jedem Menschen die göttliche Erneuerung ein, um dann auch Seele und Leib zu erfassen (vgl. Eph. 4, 34: “erneuert im Geiste eurer Gesinnung”, und Röm. 8, 16: “Der Geist gibt Zeugnis zusammen mit unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind”, ferner die Reihenfolge in 1. Thess. 5, 23: Geist — Seele — Leib!).

Auch Jes. 57, 16 spricht somit deutlich gegen eine Vernichtungslehre (die Lehre, daß Gott alle Seine Feinde am Ende umbringen wird — der Gott, der uns gebietet, auch die Feinde zu lieben). Geist und Odem, die göttlichen Anlagen im Menschen, die zwar durch den Sündenfall Schaden erlitten, aber immer noch vorhanden sind und den Wesenskern seiner Persönlichkeit und das Empfangsorgan für die geistlichen Erneuerungskräfte Gottes darstellen, läßt Gott nicht verschmachten (wörtlich: schwach, kraftlos, ohnmächtig werden).

2. Biblische Aussagen über bestimmte göttliche Gerichte

Nachdem wir bisher mehr grundsätzliche Schriftworte vom Richten Gottes im allgemeinen betrachteten, seien nun Aussagen der Heiligen Schrift über spezielle Gerichte ins Auge gefaßt.

Uns sollen im folgenden beschäftigen — ausgehend von der Gegenwart und vom begrenzten Kreis der Gemeinde bis hin zu den großen und umfassenden Zukunftsgerichten:

  1. Züchtigungsgericht und Feuergericht an der Gemeinde;
  2. Gottes Gericht an Israel;
  3. Heilung der Nationen durch Gericht;
  4. Heilsames Gericht im Totenreich;
  5. Sodom als Beispiel des “ewigen Feuers”.

Alle diese Beispiele bestätigen uns, daß die göttlichen Gerichte einen Sinn und eine Grenze haben, daß sie bestimmten Heilszielen zustreben und somit in Wahrheit Wegbereiter göttlicher Heilserweisungen sind.

a) Züchtigungsgericht und Feuergericht an der Gemeinde

Zwei Beispiele schärfster Gemeindezucht finden wir in 1. Kor. 5, 5 und 1. Tim. 1, 20:

“Ich habe schon geurteilt … einen solchen dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist errettet werde am Tage des Herrn Jesus.”

“Etliche haben, was den Glauben betrifft, Schiffbruch gelitten, unter welchen Hymenäus ist und Alexander, die ich dem Satan überliefert habe, auf daß sie durch Zucht unterwiesen würden, nicht zu lästern.”

Beiden Worten ist gemeinsam, daß sie ein bestimmtes Ziel als das erstrebte Ergebnis der Zucht angeben. Während in dem letzteren Wort nicht ausdrücklich betont ist, daß dieses Ziel Rettung bedeutet, sondern in kurzen Worten nur gesagt ist, daß der Sünde durch Zucht ein Ende bereitet werden soll, geht die erste Aussage viel weiter: Der Blutschänder in der Gemeinde zu Korinth soll nicht nur durch “Verderben seines Fleisches” ans Ende seiner Fleischessünde geführt, werden (vgl. 1. Petr. 4, 1b), sondern “sein Geist soll errettet werden am Tage des Herrn Jesus”. Die außerordentlich scharfe Zucht, die Paulus hier in vollmächtiger Weise verhängt und zu deren Vollstreckung kein Geringerer als Satan selbst ausersehen wird, hat also eindeutigen Heilszweck. Zwar muß das Fleisch als der Sitz der Sünde verderben, aber nur, damit der Geist des betreffenden Gemeindegliedes am Tag Jesu Christi Rettung erfahren kann. (Vergl. den ganz ähnlichen Sachverhalt bei Jesu Heilsverkündigung im Totenreich nach 1. Petr. 4, 6: “Dazu ist auch Toten gute Botschaft verkündigt worden, auf daß sie gerichtet werden möchten dem Menschen gemäß nach dem Fleische, aber leben möchten Gott gemäß nach dem Geiste.”)

Steht nun der Fall dieses korinthischen Gemeindegliedes vereinzelt da, oder gibt uns die Schrift berechtigten Anlaß zu der Hoffnung, daß alle Glieder der Gemeinde Christi Jesu einmal durch Zucht und Gericht zurechtgebracht werden, soweit sie ihr Leben nicht ständig im Selbstgericht ordneten?

Darauf gibt uns 1. Kor. 11, 31.32 bejahende Antwort: “Aber wenn wir uns selbst beurteilten (wörtlich: durch und durch richteten), so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, auf daß wir nicht mit der Welt verurteilt werden.”

Da wird es deutlich ausgesprochen, daß kein Glied der Gemeinde Christi Jesu jemals als Angeklagter vor dem Forum des Weltgerichtes von Offb. 20, 11-15 (oder Matth. 25, 31-46) zu erscheinen braucht. Der Apostel unterscheidet hier drei Arten von Gericht: Selbstgericht in ständiger Selbstprüfung und Beugung, Züchtigungsgericht durch den Herrn, sodann das kommende Weltgericht mit der Möglichkeit des Feuersees. Wer das erstere in schuldhafter Weise versäumt, verfällt dem Züchtigungsgericht des Herrn (wozu auch die Gemeindezucht durch Seine Diener gehört und die so scharfe Formen annehmen kann, wie die erwähnten Beispiele es zeigen). Die Zucht des Herrn aber bringt einen solchen entweder noch in diesem Leben, spätestens aber an Seinem Tage so völlig zurecht, daß ihm das Weltgericht nicht mehr gelten kann noch zu gelten braucht. So bleibt das Wort des Herrn uneingeschränkt bestehen, das Er in Joh. 5, 24 im Blick auf das Weltgericht ausspricht: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tode in das Leben übergegangen.”

Auch das bedeutsame Pauluswort von 1. Kor. 3, 11-15 zeigt uns, daß jeder, in dessen Leben einmal der Grund Christus gelegt wurde, am Tage Christi vollendet werden wird, was aber unter Umständen nur durch schmerzliche Feuerprozesse hindurch möglich sein wird:

“Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf diesen Grund baut Gold, Silber, köstliche Steine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klar machen, weil er in Feuer geoffenbart wird; und welcherlei das Werk eines jeden ist, wird das Feuer bewähren. Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut bat, so wird er Lohn empfangen; wenn das Werk jemandes verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer.”

Wer auf der Grundlage des Heiles in Christo ein Fleischesleben führte, wird das bitter büßen müssen. Das göttliche Gerichtsfeuer ereilt ihn, wenn nicht schon in diesem Leben (wie in den Fällen von 1. Kor. 5, 5 und 1. Tim. 1, 20), dann doch spätestens am Tage, das heißt bei der Ankunft des Herrn Jesu Christi. Noch ehe die Gottlosen in den Feuersee geworfen werden (Matth. 25, 46; Offb. 20, 15), muß er das Feuer des göttlichen Zornes und Gerichtes kosten. Denn das Gericht beginnt nun einmal am Hause Gottes (1. Petr. 4, 17), und auch den Seinen gegenüber ist und bleibt der Herr ein verzehrendes Feuer (Hebr. 12, 29).

So erschütternd wahr diese ernsten Tatsachen sind, so wahr ist aber nun doch auch dies, daß das göttliche Gerichtsfeuer, das am Tag Christi alle ereilt, die auf der Heilsgrundlage fleischlich und daher nicht feuerbeständig weiterbauten, nicht sinnlos und endlos quält, sondern Rettung schafft. Gerettet durchs Feuer! (1. Kor. 3, 15). Das ist der ernste Weg der Zurechtbringung für alle Gotteskinder, die ihre fortlaufende Reinigung versäumen (2. Kor. 7, 1; 1. Joh. 3, 3).

Für die uns beschäftigende Frage nach dem Sinn und Zweck und Ziel des göttlichen Richtens ist der Ausdruck “gerettet durchs Feuer” in 1. Kor. 3, 15 von entscheidender Bedeutung. Er zeigt uns, daß man mindestens für das “Gericht am Hause Gottes” es gelten lassen muß, daß das Feuer des göttlichen Gerichtes läuternde, erprobende, reinigende, ja rettende Wirkung hat. Und es erhebt sich die Frage — mag sie unserem oftmals in Traditionsmeinungen festgefahrenen Denken noch so unbequem sein —, ob denn wirklich nur bei diesem Gericht Gottes das Gerichtsfeuer Rettung bewirkt, oder ob dies auch bei Seinen Gerichten an Seinem Volk Israel und an der Völkerwelt so ist. Kann es möglich sein, und fordern es klare Schriftaussagen von uns, zu glauben, daß Gottes Richten an Seinen Kindern maßvoll und von Heilsabsichten getragen ist, daß hingegen Sein Richten an den übrigen Menschen endlose und ziellose Vergeltung bedeutet? Es geziemt sich nicht für uns, hier irgendwelche Urteile von uns aus zu fällen. Eine gültige Antwort kann nur die Schrift, also Gott selbst hierauf erteilen. Wir wollen sie im folgenden darob befragen, ob sie Unterweisung darüber enthält, welcher Art die weiteren im prophetischen Wort angekündigten Gerichte Gottes (an Israel und den übrigen Menschen) sind.

b) Gottes Gerichte an Israel

Bevor wir das Verstockungsgericht ins Auge fassen, das seit den Tagen der Verwerfung Jesu und der Ablehnung des Heiligen Geistes durch Israel auf dem Volke lastet und in das Gericht der “Großen Drangsal” einmünden wird, seien erst noch wenige alttestamentliche Gerichtszeugnisse über Israel hervorgehoben.

In Jes. 28 kündigt Gott in den Versen 17-22 Seinem Volk schwerstes Gericht an. Daß dieses aber nicht dem innersten Wesen Gottes entspricht — wie etwa Seine Gnadenerweisungen —, geht aus dem 21. Vers deutlich hervor:

“Jehovah wird sich aufmachen wie bei dem Berge Perazim, wie im Tale zu Gibeon wird Er zürnen: um Sein Werk zu tun — befremdend ist Sein Werk! — und um Seine Arbeit zu verrichten — außergewöhnlich (oder fremdartig) ist Seine Arbeit!”

Weiter bezeugen die folgenden Verse 23-29, daß das angekündigte Gericht, das hier mit dem Bearbeiten des Ackers und dem Dreschen des Getreides verglichen wird, “nicht unaufhörlich” ergehen und das Ergebnis durchaus nicht völlige “Zermalmung” sein werde (V, 28). Sowenig man beim Pflügen des Ackers oder beim Dreschen des Getreides sinnlos oder endlos arbeitet, sondern vielmehr ein bestimmtes Ziel erreichen will, sowenig ist das Gericht Gottes an Seinem Volke willkürlich oder endlos. Auch Er “pflügt, furcht, eggt, drischt” Israel nur, um echte Frucht aus diesem Volke zu gewinnen, keineswegs aber, um es gänzlich zu vernichten. — Die Worte bestätigen und erinnern an das schon betrachtete Wort aus dem 57. Kapitel desselben Propheten, V. 15-17, wo auch bezeugt wurde, daß Gott nicht immerdar ergrimmt sein wird und den von Ihm geschaffenen Odem des Menschen nicht verschmachten läßt.

In den Klageliedern Jeremia, Kap. 3, 31-33, lesen wir:

“Der Herr verstößt nicht ewiglich (äonenlang, unabsehbar lange), sondern wenn Er betrübt hat, erbarmt Er sich nach der Menge Seiner Gütigkeiten. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt Er die Menschenkinder.”

“Nicht ewiglich” — “nicht von Herzen” — “wenn Er betrübt hat, erbarmt Er sich” — diese Worte bestätigen aufs neue die Begrenztheit und den Heilszweck der Gerichte Gottes an Seinem Volke.

Beachtlich ist die Verallgemeinerung am Ende des Verses, wo nicht nur von den Kindern Israel, sondern ganz allgemein von den Menschenkindern gesagt wird, daß Gott sie nicht von Herzen plagt und betrübt. Somit ist die Einstellung des Herzens Gottes zu allen Menschen die gleiche wie die Seinem auserwählten Volke gegenüber, auch gerade hinsichtlich Seiner Gerichte. Schon dieses Wort enthält damit eine Antwort auf unsere Frage, ob denn Gottes Gerichte an der Völkerwelt ihrem Charakter und ihren Zielsetzungen nach grundverschieden seien von dem göttlichen Richten an Seiner Gemeinde oder an Israel. Wir werden in Röm. 11 in noch deutlicheren Worten dieselbe Antwort finden.

Daß Gottes Gerichte an Israel seine Rettung vorbereiten — ja daß es für Israel seines Ungehorsams wegen überhaupt keinen anderen Rettungsweg mehr gibt als den Weg durchs Gericht, zeigen ferner die folgenden Prophetenworte, die in ihrer Klarheit jeden Kommentar überflüssig erscheinen lassen.

“Zion wird erlöst werden durch Gericht” (Jes. 1, 27a, vgl. auch die vorhergehenden Verse 24-26!).

“Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben, und wer in Jerusalem übriggeblieben ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem: wenn der Herr den Unflat der Töchter Zions abgewaschen und die Blutschulden Jerusalems aus dessen Mitte hinweggefegt haben wird durch den Geist des Gerichts und durch den Geist des Vertilgens“ (Jes. 4, 3.4).

“Wir haben Dich, Jehovah, erwartet auf dem Pfade Deiner Gerichte“ (Jes. 26, 8).

“Ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Gericht, und in Güte und in Barmherzigkeit“ (Hos. 2, 19).

Wohl die schlimmste aller Gerichtsmethoden Gottes ist die der Verstockung. Denn da tut Gott nichts mehr, Seine Geschöpfe von ihrem verkehrten Wege zurückzuhalten, was doch selbst bei den härtesten Plagen und Züchtigungen noch der Fall ist; ja, im Gegenteil: Er bestärkt sie noch in ihrem verkehrten Tun; Er läßt das im Herzen der Geschöpfe vorhandene Böse vollends in die Erscheinung treten und macht sie dadurch nur noch gerichtsreifer. Deshalb folgt jedem Verstockungsgericht ein um so ärgeres Vergeltungs- und Strafgericht.

Im Alten Testament ist es der Pharao zur Zeit der Befreiung Israels aus Ägypten, den der Herr verhärtet oder verstockt (vgl. 2. Mo. 4, 21; 7, 3 mit 7, 13.14.22.23; 8, 15.19.32; 9, 7.12.34.35; ferner 10, 1.20.27; 11, 10; 14, 4).

Die Folge dieses Verstockungsprozesses war das Gericht der 10 ägyptischen Plagen, in deren Verlauf sich aber die positive Wirkung eben dieser Plagen nicht nur für Israel, sondern auch für den Pharao immer deutlicher erwies: vom anfänglichen ichsüchtigen Flehen zum bloßen Zweck der Befreiung von der Plage (2. Mo. 8, 8) kam der ägyptische König dahin, seine Sünde einzusehen und zu bekennen (9, 27.28; 10, 16.17), auf den göttlichen Willen erst teilweise und mit Vorbehalten und Hintergedanken (8, 25.28; 10, 7-11), dann aber immer mehr und schließlich ganz einzugehen (10, 24; 12, 31.32), ja sogar noch Mose und Aaron um ihren Segen zu bitten (12, 32)!

Ein Gericht der Verstockung lastet nun schon seit fast 2000 Jahren auch auf Israel und läßt das Volk noch immer gerichtsreifer werden für die kommende “Große Drangsal”, die vor allem eine “Drangsal für Jakob” sein wird (Matth. 24, 21; Offb. 7, 14; Jer. 31, 7). Diese schlimmste, längste und letzte Gerichtszeit Israels von den nachpfingstlichen Tagen an bis zur Aufrichtung des Reiches durch den wiederkommenden Christus, der der Drangsal Seines Volkes ein Ende machen wird, nachdem vorher schon die Verstockung von ihm gewichen ist (Röm. 11, 25), wird vom Herrn in Matth. 23, 37-39 in erschütternden, aber dennoch nicht ganz hoffnungslos klingenden Worten vorausgesehen und vorausgesagt:

“Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprechet: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!”

Die so oft zitierte ernste Anklage Jesu: “Ihr habt nicht gewollt” zeigt allerdings — das sei nicht verschwiegen und nicht verkleinert —, daß es auf den Willen des Geschöpfes durchaus auch ankommt und daß die Folgen bewußter Ablehnung göttlicher Gnadenheimsuchungen verheerend sind. Weil Israel nicht gewollt hat, Ihn, den Herrn, in Seiner Niedrigkeit nicht gewollt hat, muß es all das Elend tragen, das äußerlich und innerlich in all den Jahrhunderten des Fluchs über es gekommen ist.

Ebenso deutlich geht aber auch aus unserem Wort hervor, daß dieses Gericht über Israel nicht end- und zwecklos ist, sondern — wie wir das auch in Jes. 30, 18 und in Röm. 11, 25.26 noch finden werden —, durch ein “bis” begrenzt wird, und daß das Nichtwollen des jüdischen Volkes Gott zwar zu einem Aufschub und zu Gerichtsumwegen nötigen kann, nicht aber zu einem endgültigen Auf­geben Seiner Heilsgedanken.

Denn nachdem der Herr zuerst gesagt hat: “Ihr habt nicht gewollt”, kann Er fortfahrend von denselben Israeliten weissagen: “… bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!”

Man weiß auch diese unzweideutige Erklärung Jesu geschickt in die herkömmliche Anschauung des unaufhebbaren Gerichtes über die Nichtwollenden einzuordnen, indem man einfach erklärt: Jesus hatte hier das Volk als Ganzes im Auge. Das dreimal in V. 37-39 vorkommende Wörtlein “ihr” bezieht sich zwar jedesmal auf Israel, aber nicht immer auf dieselben Geschlechter des Volkes. “Ihr habt nicht gewollt” — das waren die Zeitgenossen Jesu. “Bis ihr sprechet …” — das ist von dem endzeitlichen Überrest des Volkes gesagt, der sich zum Herrn bekehren wird.

Aber kann damit der Sinn dieser Weissagung Jesu wirklich erschöpft sein? Sollen die in Matth. 23 angeredeten Volksmengen, insbesondere die Schriftgelehrten und Pharisäer, auf die sich das ganze Kapitel ab V. 13 bezog, nur bis V. 38 des Kapitels gemeint sein dürfen, aber keinesfalls mehr im letzten Vers des gleichen Kapitelzusammenhangs, nur weil dieser eine Sinnesänderung zeigt? — Unseres Erachtens berechtigt nichts zu einem solchen willkürlichen Auseinanderreißen der Verse 37-39. Bezeugen doch auch andere Prophetenworte, daß keineswegs nur ein endzeitlicher Überrest Israels sich einst dem Herrn zuwendet, wenn Er wiederkommt. So wird der in der Zeit der “Großen Drangsal” in Israel wieder auftretende Prophet Elia unter anderem auch die Aufgabe haben, “das Herz der Väter zu den Kindern zu wenden” (Mal. 4, 5) — wohl ein Hinweis auf die Bekehrung der dann auferstehenden älteren Geschlechter des Volkes zu dem Glauben ihrer Kinder. Ja, wenn Gott erst über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgegossen haben wird, werden sie auf Ihn blicken, “den sie durchbohrt haben, und werden über Ihn wehklagen gleich der Wehklage über den Eingeborenen und bitterlich über Ihn leidtragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen leidträgt” (Sach. 12, 10). — Ist nicht gerade dieses Sacharjawort eine auffallende Parallele zu Matth. 23, 37-39? Dieselben, die Ihn einst durchbohrten (und für die der Herr noch am Kreuz Vergebung erbat, Luk. 23, 34), werden einst leidtragen wegen ihrer Sünde, bezeugt Sacharja. Dieselben, die Ihn in Seiner Niedrigkeit nicht wollten, werden Ihn einst preisen, bezeugt der Herr. Wir haben wahrlich kein Recht, dem Gott, dem nach Jesu Wort in Luk. 20, 38 alle Toten leben, nur eine Zurechtbringung der Lebenden, nicht aber der Verstorbenen Israels zuzutrauen, wenn Er selber solche Grenzen nicht zieht, sondern Anklage, Gerichtsankündigung und Heilsverheißung an genau dieselbe Adresse richtet.

Eine auffallende Parallele zu Matth. 23, 37-39 stellt das Wort Jes. 30, 15-18 dar, wo wir lesen:

“Denn so spricht der Herr, Jehovah, der Heilige Israels: Durch Umkehr und durch Ruhe würdet ihr gerettet werden; in Stillsein und in Vertrauen würde eure Stärke sein. Aber ihr habt nicht gewollt; und ihr sprachet: Nein, sondern auf Rossen wollen wir fliegen; darum werdet ihr fliehen; und: Auf Rennern wollen wir reiten; darum werden eure Verfolger rennen. Ein Tausend wird fliehen vor dem Dräuen eines einzigen; vor dem Dräuen von fünf werdet ihr fliehen, bis ihr übrigbleibet wie eine Stange auf des Berges Spitze und wie ein Panier auf dem Hügel. Und darum wird Jehovah verziehen, euch gnädig zu sein; und darum wird Er sich hinweg erbeben, bis Er sich euer erbarmt; denn Jehovah ist ein Gott des Gerichts. Glückselig alle, die auf Ihn harren!”

Auch hier wird zunächst das Nichtwollen (V. 15), der Ungehorsam des Volkes hervorgehoben und ihm infolgedessen Gericht angekündigt. Auch hier wird aber die Gerichtsweissagung wie in Matth. 23 durch ein “bis” begrenzt: bis Er sich euer erbarmt. Erbarmen löst das Gericht ab. Und in diesem Zusammenhang, ja als Begründung für solches Handeln wird Gott ein “Gott des Gerichts” genannt, und ferner wird glückselig gepriesen, wer (auch in den Gerichten) auf diesen Gott harrt!

Noch eingehender, als es der erniedrigte Herr in Matth. 23 tat, gibt uns der erhöhte Herr durch Sein Sprachgefäß Paulus in Röm. 9-11 Aufschluß über das Problem der Verstockung Israels. Daß Gott — wie einst bei Pharao — der letztlich Verantwortliche auch für diese Verstockung ist, obwohl das wiederum die persönliche Schuld der Israeliten nicht aufhebt, geht aus Röm. 11, 7.8 deutlich hervor:

“Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auserwählten haben es erlangt, die übrigen aber sind verstockt worden, wie geschrieben steht: Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis auf den heutigen Tag.”

Die dann folgenden Verse 11.12.15 zeigen bereits, daß auch dieses Verstockungsgericht Heil und Rettung in seinem Gefolge hat, und das sogar in doppelter Hinsicht, für Israel selbst und für die Nationen:

“Ich sage nun: Sind sie etwa gestrauchelt, auf daß sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden, um sie zur Eifersucht zu reizen. Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist, und ihr Verlust der Reichtum der Nationen, wieviel mehr ihre Vollzahl! … Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?”

Für das Verständnis des Zusammenhanges muß es beachtet werden, daß sich Paulus, der in Kap. 9-11, 7a hauptsächlich nur den Überrest Israels und die Auserwählten als Beweis für das nicht endgültige Verstoßensein des Volkes anführt (vgl. Kap. 9, 6.27.29; 11, 1.2.5), ab Kap. 11, 7b der Frage nach der Masse Israels, nach den übrigen, nach der Vollzahl zuwendet. Der Blick wird dann immer mehr geweitet, indem ab V. 30 auch die Nationen und im 36. Vers schließlich das ganze All ins Auge gefaßt wird. — Hinsichtlich der Masse Israels kann Paulus in 11, 16 sagen:

“Wenn aber der Erstling heilig ist, so auch die Masse; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige.”

In V. 25.26 sodann spricht Paulus von einem Geheimnis:

“Ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, auf daß ihr nicht euch selbst klug dünket: daß Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird; und also wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: Es wird aus Zion der Erretter kommen, Er wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden.”

Im Gegensatz zu Auslegern, die unter dem “ganzen Israel” lediglich den “Überrest” meinen verstehen zu dürfen, von dem die alttestamentlichen Propheten geweissagt haben, weisen wir darauf hin, daß der ganze Zusammenhang eine andere Auslegung fordert. Wie schon bemerkt, wendet Paulus sein Augenmerk von Kap. 11, 7b an der Masse Israels zu. Er spricht von den “übrigen”, die Gott verstockt hat (V. 7.8), also gerade nicht von dem auserwählten Überrest, und fragt im folgenden nach ihrem Los. Er redet in V. 16 ausdrücklich von der Masse und von den Zweigen — das heißt doch, vom Volksganzen bis hinein in die feinsten Verästelungen seiner Geschlechter. Diese verstockte Masse des Volkes wurde ausgebrochen durch den Unglauben (V. 20), und dieselbe verstockte Masse vermag Gott wieder einzupfropfen, sofern sie nicht im Unglauben bleiben (V. 23). In diesem gedanklichen Zusammenhang redet er von der Errettung ganz Israels!

Auch Anders Nygren (”Der Römerbrief”, 2. Aufl. Göttingen 1954, S. 289) deutet die Stelle Röm. 11, 25.26 in diesem Sinn:

“Der Inhalt des Geheimnisses ist folgender: Verstockung hat Israel zu einem Teil (apo merous) gegenwärtig betroffen, und dabei wird es bleiben, bis der Heiden plärooma, ‘die Fülle der Heiden’, eingegangen ist. Wenn aber dies geschehen ist, dann ist die Reihe an Israel als Volk gekommen. Dann wird es sich nicht mehr nur um einen ‘Rest’ handeln, sondern Israels plärooma wird in Gottes Reich eingehen. Das ganze Israel, pas Israäl, wird erlöst werden.”

Auch läge kein Grund vor, von einem “Geheimnis” zu reden, wenn nur die Rettung eines Überrestes gemeint wäre, die schon längst alle Propheten seit Jahrhunderten offen bezeugt hatten.

Israels Verstockung ist, obwohl sie die Mehrheit, die große Masse des Volkes ergriff, doch nur “zum Teil” ergangen und somit umfangmäßig begrenzt; sie ist ferner, wie das Wörtlein “bis” in Röm. 11, 25; Jes. 30, 18 und Matth. 23, 39 zeigt, auch zeitlich begrenzt. Wenn die im jetzigen Zeitalter gesammelte Vollzahl aus den Nationen eingegangen (errettet und zu ihrem Herrn entrückt) sein wird, wird die Verstockung bereits in der Zeit der 70. Daniel’schen Jahrwoche zu weichen beginnen, vollends aber dann weichen, wenn der “Erretter aus Zion” kommt.

c) Heilung der Nationen durch Gericht

Wir erkannten bisher, daß Gottes Richten an Seiner Gemeinde wie auch an Seinem auserwählten Volk zeitlich begrenzt ist und der Erreichung von Heilszielen dient. Zwischen diesen beiden Körperschaften stellten wir, was das Wesen und die Bestimmung der über sie verhängten Gerichte betrifft, volle Übereinstimmung fest: so wie Gott unordentlich wandelnde oder fruchtlose Gemeindeglieder durch Züchtigung in diesem Leben oder durch das Feuer des Tages Seines Erscheinens nicht ziellos quälen oder auslöschen, sondern zurechtbringen und retten will, so dienen auch alle Drangsale, Plagen und Schläge, die Gott im Laufe der Geschichte über Israel hereinbrechen läßt, ja sogar das schauerliche Gericht jahrtausendelanger Verhärtung, göttlichen Heilszielen. Jedes Gericht über dieses Volk steht im Zeichen des im Feuer brennenden Dornbusches (2. Mo. 3), der doch nicht verzehrt wird. Israel erduldet furchtbare Leiden, von denen es nach allen Regeln der Erfahrung total ausgelöscht werden müßte, und bleibt dennoch erhalten, bleibt aufbewahrt als der besondere Träger göttlicher Offenbarung für die Völkerwelt.

Ist nun der Charakter der göttlichen Gerichte an den übrigen Völkern der Erde, also an der Gesamtmenschheit, von dem Charakter der Gerichte an der Gemeinde und an Israel grundsätzlich verschieden, vielleicht, weil diese beiden Körperschaften in besonderer Weise Sein erkauftes Eigentum sind? Oder läßt sich aus dem Worte Gottes in deutlicher Weise entnehmen, daß die bisher erkannten Grundzüge und Heilsbestimmungen Seiner Gerichte auch den Gerichten über die Völker eigen sind?

Wir verfolgen den Gedankengang des Apostels Paulus weiter, den er in Röm. 11 vor uns ausbreitet. Was er in den Versen 30-32 und 36 zum Ausdruck bringt, ist eine direkte Beantwortung unserer Frage. Denn da stellt Paulus in klaren Worten fest, daß heidnischer Unglaube und israelitischer Unglaube in gleicher Weise (”gleichwie”) dem souveränen göttlichen Vorsehungswalten entspringen und Heiden wie Juden die Bestimmung schließlicher Begnadigung haben. Die Verse lauten:

“Denn gleichwie auch ihr einst Gott nicht geglaubt habt, jetzt aber unter die Begnadigung gekommen seid durch den Unglauben dieser, also haben auch jetzt diese an eure Begnadigung nicht geglaubt, auf daß auch sie unter die Begnadigung kommen. Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben (Ungehorsam, Widerspenstigkeit) eingeschlossen, auf daß Er alle begnadige … Denn von Ihm und durch Ihn und für Ihn (zu Ihm hin) ist das All; Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.”

Wir stimmen mit H. Wiesemann und dem von ihm zitierten Kommentar von Zahn durchaus überein, wenn er darauf hinweist, daß der zweimal auftretende bestimmte Artikel in Röm. 11, 32 (es heißt zweimal “tous pantas”) “eine durch den Zusammenhang bestimmte Vielheit als ein Ganzes” bezeichnet; die Frage ist nur — und hierin sind wir anderer Meinung —, wer diese “durch den Zusammenhang bestimmte Vielheit” ist. Sind es tatsächlich nur die ungläubigen Juden? Wovon spricht der vorangegangene Satz (V. 30.31)?

Er spricht in nicht wegzuleugnender Klarheit von zwei Gruppen: den gläubiggewordenen Briefempfängern aus den Nationen (”ihr”) und den ungläubigen Israeliten (”diese”). Daß auch V. 32 beiden Gruppen gilt, geht unzweideutig daraus hervor, daß Paulus in V. 31 ausdrücklich an beiden Gruppen demonstriert, was er dann im nächsten Vers als souveränes Handeln Gottes darstellt:

  1. Ihr habt einst Gott nicht geglaubt — ihr seid jetzt unter die Begnadigung gekommen.
  2. Auch diese haben jetzt nicht geglaubt — auf daß auch sie unter die Begnadigung kommen.

Beide Gruppen hat Gott zu dem Zweck in den Ungehorsam eingeschlossen, damit Er sie hernach begnadige. Wenn Er aber die ungläubigen Juden und die einst ungläubigen Nationenchristen in Rom zu diesem Zweck in den Ungehorsam eingeschlossen hat, wer wagt dann zu sagen, daß Gott bei irgendeinem anderen Ungehorsamen einen anderen Zweck verfolge?

Somit muß Röm. 11, 32 tatsächlich allem Ungehorsam unter Juden und Heiden gelten. Für alle und jede Widerspenstigkeit in der Gesamtmenschheit übernimmt Gott die letzte Verantwortung (was nach biblischem Denken wiederum die Schuld der einzelnen nicht aufhebt), und diese ganze Widerspenstigkeit in der jüdischen und nichtjüdischen Menschheit hat ihre Zeit und ihr Ziel: auf daß Er sich aller erbarme.

Diese wunderbaren Wege des souveränen Wirkens Gottes begründet Paulus dann im letzten Vers von Röm. 11 mit dem Hinweis, daß ja doch aus Gott und durch Gott und zu Ihm hin (wörtlich: hinein in Ihn) das All ist. Deshalb kann V. 32 in so unbeschränkt weitem Ausmaß gelten und ist jeder Ungehorsam und jedes Gericht Durchgang zum Heil. Der 32. Vers wiederum erhellt den 36. und zeigt, daß diese Bestimmung des ganzen Alls “zu Ihm hin” nicht nur als frommer Wunsch vom Apostel ausgesprochen ist, sondern im Sinne einstiger wirklicher Begnadigung.

Ströter bemerkt zu Röm. 11: “Im 11. Kapitel seines Römerbriefes weist Paulus aufs klarste nach, wie Gott durch die Verstockung Israels nicht nur Anlaß genommen habe, sich mit Seinem bis dahin verborgen gebliebenen Ratschluß von dem Geheimnis des Leibes Christi, der Gemeinde, aus allen Völkern erwählt und gesammelt, um so größer zu verherrlichen, sondern daß auch gar keine Rede davon sein könne, als ob jenes erschütternde, strenge Gericht an Israel nun irgendwie die Aufhebung göttlicher Liebes- und Herrlichkeitsgedanken eben mit Seinem verblendeten und gerichteten Volke bedeute. Israels Verstockung ist nur teilweise und nur für eine genau begrenzte Zeit. Damit ist uns wieder ein Hauptschlüssel in die Hand gegeben zum richtigen Verständnis aller Gerichtswege Gottes mit der ganzen Menschheit, ja mit aller Kreatur. Denn Gott ist nicht allein der Juden Gott, sondern auch der Heiden Gott. Und es müßte erst der deutlichste biblische Nachweis erbracht werden, daß Gottes Gerichtswege mit Israel grundsätzlich verschieden seien von denen mit der übrigen Welt und Menschheit, ehe wir auch nur einen Augenblick daran denken könnten, die furchtbarsten Gerichte Gottes auf irgendeinem Boden könnten je etwas anderes bezwecken, als die Ausführung und Ermöglichung Seiner Liebesgedanken mit allen Seinen Kreaturen” (E. F. Ströter: Das Evangelium Gottes von der Allversöhnung in Christus, Chemnitz 1915).

Hier ist auch der Ort, Johann Christoph Blumhardt’s große Hoffnungen zu erwähnen, die ihn gegen Ende seines Lebens immer stärker erfüllten:

“Seine Hoffnungen gewannen immer mehr an Klarheit, Weite, Gewißheit und sozusagen Selbstverständlichkeit. Daß nicht schon nahezu alle Menschen im Namen Jesu Vergebung der Sünden haben, war ihm eine Unregelmäßigkeit, deren Aufhebung nur eine Frage der Zeit sei. Eine Liebe des Heilandes zu allen Verlorenen, eine Zartheit des Verzeihens, eine friedvolle Herzlichkeit wehte ihm wie vom Himmel her entgegen und leuchtete auch von ihm aus auf andere. Ja, in der sichtlich steigenden, wunderbar befreienden Macht, die von ihm auf die Gemüter ausging, fühlte man unwiderstehlich die Hand des Herrn selbst, der macht- und gnadenvoll die Verlorenen erfaßt.

Um die Klarheit und Gewißheit der Hoffnungen Blumhardt’s zu würdigen, darf man die Wurzeln, ihre Fundamente nicht übersehen: seinen beständig auf das ganze Menschengeschlecht gerichteten Sinn. Wie furchtbar schwer ihm der Jammer der Menschheit, der Jammer des Verlorenseins auf dem Herzen lag, davon macht man sich kaum einen Begriff … Der nun schon jahrhundertealte Jammer der Verlorenen lastete schwer auf seinem Gemüte, und besonders in seinen Adventspredigten bewegte ihn die Frage, ob denn gar keine Aussicht für sie sei. So ein gleichsam aus philosophischer Notwendigkeit erfolgendes Seligwerden war ihm eine willkürliche Erfindung. Aber nun ging ihm in seinem neuen Kampfe ein neues Licht der Hoffnung und des Trostes auf. Er sah sich in seiner Teilnahme für diese Armen von dem Heilande überboten in einer ihn beschämenden Weise. Er erfuhr, daß Er als der Lebendige, als das Haupt Seiner Gemeinde auf Erden entschlossen ist, das Verlorene zu suchen, wo Er es findet, und wäre es auch in den tiefsten Verliesen des Verlorenseins … ‘Ich glaube’, so sagte damals Blumhardt gerne, ‘an Jesum Christum, der vom Himmel kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, aber wohlgemerkt: nicht hinzurichten, sondern herzurichten’.

Dieses Licht ging ihm sicherlich zuerst aus der Heiligen Schrift auf … Innerlich ermutigt, fand er immer neues Licht aus der Schrift — und so erst wurden ihm seine Hoffnungen völlig klar und begreifbar. Wenn nicht auch noch das Allerschönste für ein letztes Menschengeschlecht zu erwarten stände, was hätte das für einen Sinn? Es wäre wie eine Ungerechtigkeit gegen alle die vorangegangenen Geschlechter. Aber er begann zu merken, daß dafür gesorgt werden wird, daß die großen Verheißungen auch nach rückwärts in Kraft gelangen. So kann dann geschehen, was der letzte Psalm verlangt: ‘Alles was Odem hat, lobe den Herrn’; und so tritt in Kraft, was Psalm 145 sagt: ‘Der Herr ist allen gütig und erbarmt sich aller Seiner Werke’. Wenn dem Abraham versprochen ist, in seinem Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden, so ist das nur kümmerlich und einseitig erfüllt, wenn es nur alle Geschlechter irgendeiner letzten Generation betrifft, wenn es nicht rückwirkende Kraft hat. Und wenn Paulus (Römer 11, Vers 26) die gewisse Hoffnung ausspricht: ‘Ganz Israel soll selig werden’, ist denn irgendeine noch kommende Generation der Juden ganz Israel? ‘An die Verstorbenen denkt eben kein Mensch.’

“Lassen wir unsern Gott nur gutes Muts fortzimmern, fortarbeiten, fortsiegen, fortmachen: mit einem Male wird Sein Tun offenbar, daß die ganze Kreatur jauchzen wird über dem großen Gott, der sich noch größer machen wird durch die Wiederherstellung Seiner Schöpfung, als Er sich groß gemacht hat mit der Schöpfung durch das Wort: Es werde!” (Zündel, Johann Christoph Blumhardt, S. 336-338 u. 342, 16. Auflage, Gießen 1954).

Als zweites Zeugnis dafür, daß auch Gottes Gerichte an den nichtjüdischen Völkern (in der Schrift “Heiden” oder “Nationen” genannt) Heilsabsichten verfolgen, führen wir Zeph. 3, 8.9 an, wo wir lesen:

“Darum harret auf mich, spricht Jehovah, auf den Tag, da ich mich aufmache zur Beutel Denn mein Rechtsspruch ist, die Nationen zu versammeln, die Königreiche zusammenzubringen, um meinen Grimm über sie auszugießen, die ganze Glut meines Zornes; denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden. Denn alsdann werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovahs anrufen und Ihm einmütig dienen.”

Der Offenbarung zufolge wird der 8. Vers dieses Prophetenwortes eine doppelte Erfüllung haben: in der Endzeit dieses Weltzeitalters und dann nochmals am Ende des Millenniums, der tausendjährigen Königsherrschaft Christi auf dieser Erde. Die erste “Versammlung der Nationen”, um Krieg zu führen gegen Gott und Seinen Gesalbten, wird am Ende der 3,5jährigen Drangsalszeit bei Harmagedon stattfinden. Davon lesen wir in Offb. 16, 13.14.16 wie auch in Offb. 19, 19-21, wo das Ende dieses Kriegszuges beschrieben wird.

Von einer nochmaligen Nationenansammlung ist dann in Offb. 20, 7-9 die Rede. Beide Nationenansammlungen finden, wie es in Zeph. 3, 8 geweissagt ist, durch den Grimm und die Zornglut Gottes ihr Ende. Durch Feuer und Schwert werden die Rebellen getötet.

Wenn sich der Zorn und Grimm Gottes soweit ausgewirkt haben wird, setzt die große Erneuerung ein, von der der 9. Vers unseres Zephanjawortes spricht. “Alsdann” — nämlich wenn die ganze Erde durch das Feuer des göttlichen Eifers verzehrt und das Weltgericht gehalten worden ist, beginnt ein Umwandlungsprozeß größten Stils, der nicht eher endet, als bis die Lippen der Völker in reine Lippen umgewandelt sind und sie alle den Namen Jehovahs anrufen und Ihm — was Befreiung aus ihrem Qualort voraussetzt — einmütig dienen.

Ein Vorbild solcher Umwandlung finden wir in Jes. 6, 6.7. Dort ist die glühende Kohle, die auch einem Jesaja nicht erspart bleiben konnte, ein Symbol dafür, daß eine solche Umwandlung nur auf gerichtsmäßigem Wege erfolgen kann.

Auch die Offenbarung stellt noch für die Zeit nach dem Untergang des jetzigen Kosmos und nach dem großen Weltgericht (mit der Aburteilung der Ungläubigen in den Feuersee) Heil und Erneuerung in Aussicht. Denn in Offb. 21, 5 stellt sich Gott dem Seher von Patmos mit den Worten vor:

“Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, Ich mache alles neu. Und Er spricht zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind gewiß und wahrhaftig.”

Und in Kap. 22, 2 wird von den Blättern des Baumes des Lebens verheißen, daß sie zur Heilung der Nationen dienen werden. Und auch hierbei muß doch wohl das Wort Jesu festgehalten werden, daß “die Starken nicht eines Arztes bedürfen, sondern die Kranken” (Matth. 9, 12); wer wäre aber zu jener Zeit kränker als diejenigen aus allen Nationen, die “nicht im Buche des Lebens geschrieben gefunden” worden waren?

Zwar spricht die Offenbarung bis hinein in ihre letzten Verse von dem Ernst und der Furchtbarkeit des großen Endgerichtes und der Verwerfung in den Feuersee, doch darf dabei dreierlei nicht übersehen werden:

Einmal, was Karl Barth mit Bezug auf Offb. 19, 20; 20, 15; 21, 8; 22, 15, aber auch Matth. 25, 41 und 5, 26 schreibt: “Eine letzte, vielmehr eine ganz neue Möglichkeit jenseits des vollzogenen Gerichtes, jenseits der Bezahlung des letzten Hellers, ist aber auch in jenen Stellen den von Gott Überlieferten teils wenigstens nicht geradezu abgeschnitten, teils geradezu, wenn auch in ihrer unendlichen Ferne und Tiefe in Aussicht gestellt” (vgl. Michaelis, Versöhnung des Alls, Seite 96).

Ferner muß beachtet werden, daß das Ende der fortlaufenden Visionen des Johannes nicht in Kap. 22, 15 liegt, sondern in den Versen 1-5 des letzten Kapitels der Bibel. Mit Kap. 22, 5 schließen die Gesichte des Johannes ab, und es folgen nur noch Schlußworte, Ermahnungen und Wiederholungen, wie z. B. in den Versen 14 und 15, die keine weitergehende neue Offenbarung mehr enthalten. Die eigentliche Schau des Johannes findet ihren krönenden Abschluß in Kap. 22, 1-5, wo von der “Heilung (wörtlich: Therapie) der Nationen” die Rede ist, womit Johannes schwerlich nur die Schar derer kann bezeichnet haben wollen, die zur Zeit des Endgerichtes im Buche des Lebens geschrieben gefunden wurden.

Und drittens ist daran zu erinnern, daß die Offenbarung, obwohl sie in der Reihenfolge der Bibelbücher an letzter Stelle steht und auch zeitlich zuletzt niedergeschrieben wurde, nicht den größten Weitblick und den klarsten Fernblick besitzt, was den Endausgang der Allgeschichte betrifft, sondern darin von den dem Apostel Paulus gegebenen Offenbarungen weit übertroffen wird, was sich besonders von 1. Kor. 15, 22-28 aus leicht nachweisen läßt. — Ströter schrieb hierzu:

“Der Gesichtskreis der apostolischen Worte in 1. Kor. 15, 22-28 überragt den der Prophetie im letzten Buch der Bibel (der Offenbarung Jesu Christi durch Johannes an die Gemeinde) an Weite und Ausdehnung bedeutend.

Es ist zur Klärung unsres Verständnisses wichtig, das festzuhalten, damit nicht die in den Schlußkapiteln der Apokalypse enthaltenen Hinweise auf die Feiglinge, Ungläubigen, Greulichen, Mörder, Unzüchtigen, Zauberer, Götzendiener, Lügner, die dort in dem Feuer- und Schwefelsee, dem 2. Tod, liegen, uns den klaren Blick trüben in die schattenlose, lichte Ferne, die sich uns in 1. Kor. 15 auftut: Gott alles in allen.

Dies ist ein Ziel, das offenbar in den letzten Kapiteln der Offenbarung noch nicht erreicht ist. Vielmehr ist die ganze Reihe von Gesichten, die jenes Buch enthält, ganz deutlich auf den einen großen Zweck eingestellt, das ganze All zunächst dem Sohne zu unterwerfen. Noch aber ist am Ende der Offenbarung nicht alle Gewalt und Obrigkeit und Herrschaft aufgehoben oder unnötig geworden, wie aus 22, 5 deutlich hervorgeht.

Nach 1. Kor. 15, 24 tritt aber das Ende der richterlichen und zurechtbringenden Herrschaft des Sohnes erst dann ein, nachdem er jede Obrigkeit, Macht und Gewalt abgetan haben wird. Dann wird als letzter Feind auch der Tod abgetan (V. 26). Und erst nachdem der Fürst des Lebens jede letzte Spur von Todeswesen im Bereich der Schöpfung verschlungen hat in den Sieg — was am Ende der Offenbarung durch Johannes noch nicht der Fall ist —, wird auch der Sohn selbst sich dem Vater unterwerfen, und damit ist das letzte und höchste göttliche Ziel erreicht” (E. F. Ströter, Das Evangelium Gottes von der Allversöhnung in Christus, Chemnitz 1915).

Über Charakter und Wirkung des Gerichtes Gottes an den Nationen, genauer gesagt: über das Richten Jesu Christi an ihnen, dem ja alles Gericht vom Vater übertragen ist, äußert sich auch Matth. 12, 18.20.21 in wahrhaft “hoffnungsvoller” Weise:

“Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an welchem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf Ihn legen, und Er wird den Nationen Gericht ankündigen … Ein geknicktes Rohr wird Er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen, bis Er das Gericht hinausführe zum Siege; und auf Seinen Namen werden die Nationen hoffen.”

Das Gericht (griech. krisis; dasselbe Wort wie in Matth. 5, 21; 10, 15; 12, 36; 23, 33; Joh. 3, 19; 5, 22.24.29; Hebr. 9, 27; 10, 27; 2. Petr. 2, 4 u. v. a. Stellen) über die Nationen trägt demnach nie und nimmer den Charakter einer Vernichtung der Existenz, eines totalen Ausgelöschtwerdens. Gerade das im Gericht “schwer Angeschlagene”, das einem geknickten Rohr oder einem glimmenden Docht Gleichende, wird der Herr nicht völlig zertrümmern, sondern das Gericht hinausführen zum Sieg! (Vergl. das zu Jes. 57, 16 weiter oben Ausgeführte!) — Welcher Art die “Hinausführung des Gerichtes zum Sieg” sein wird, wird uns hier in Matth. 12 nicht näher erläutert, zumal die Verse 18-21 als Zitat aus Jes. 42, 1-4 hier ja nicht als schon voll erfüllte Weissagung, sondern nur als Beispiel einer Vor- bzw. Teilerfüllung vor uns stehen, — sicher ist aber, daß das Ergebnis des Gerichtes Christi an den Nationen einmal ein voller Sieg dessen sein wird, der sie in Seiner Barmherzigkeit nicht völlig zerschlug. Deshalb ist im 21. Vers unseres Matthäuswortes im Anschluß an das Gericht dann auch von Hoffnung die Rede. Kein völliges Zerschlagenwerden der Gerichteten, sondern Sieg und Hoffnung sind nach unserem Wort das Endergebnis des Richtens Christi an den Nationen.

Sowohl der “Lehrer der Nationen”, Paulus, wie auch Zephanja, der Apostel Johannes und der Evangelist Matthäus bezeugen somit, daß Gottes richterliches Walten an den Nationen gerade so wie das an der Gemeinde und an Israel Heilszielen dienlich und untergeordnet ist: Begnadigung (Röm. 11, 32), Anrufung Gottes mit reinen Lippen und in einmütiger Dienstbereitschaft (Zeph. 3, 9), Heilung (Offb. 22, 2), Sieg und Hoffnung (Matth. 12, 20.21) ist Gottes Liebesziel mit ihnen allen, das Er gerade durch Seine Gerichte hindurch mit ihnen erreicht.

d) Heilsames Gericht im Totenreich

Wenn alle Gerichte Gottes an Israel und an der Völkerwelt letztlich die Begnadigung aller zum Ziel haben, so können von dieser Begnadigung auch die inzwischen verstorbenen Geschlechter und die dem “ewigen Feuer” im Endgericht Verfallenden nicht ausgenommen sein. Und die beiden vorangegangenen Abschnitte zeigten uns schon, daß mehrere der angeführten Verheißungen Gottes ohne eine Wiederherstellung auch aus Totenreich und Feuersee heraus nie volle Wirklichkeit werden können.

Weil aber gerade diese beiden Punkte: Rettung noch jenseits des Todes und gar jenseits des “feurigen Pfuhles” (Luther), immer wieder mit allem Nachdruck bestritten werden und man weithin in gläubigen Kreisen unbedingt meint darauf bestehen zu müssen, daß der leibliche Tod, auf alle Fälle aber der “zweite Tod”, d. h. der Feuersee, die Grenze aller Gnadenfrist sei, soll auf diese Punkte noch besonders eingegangen werden. In diesem Abschnitt sei zunächst das Gericht im Totenreich ins Auge gefaßt.

Zweifellos ist der Tod und der Aufenthalt im Totenreich ein ernstes und furchtbares Gericht. Der Tod ist der Sünde Sold. Nur der an Christus Gläubige weiß und darf wissen, daß sein Tod ein “Heimgang” ist, der ihn nicht hinab ins Totenreich führt, wohin vor der Auferstehung Jesu Christi sogar die Frommen und Gläubigen gingen (vgl. 1. Mo. 37, 35; 42, 38; 44, 31), sondern “heim” zum Herrn (2. Kor. 5, 6-9; Phil. 1, 23). Für ihn und nur für ihn ist der Tod “Eingang in das Leben”. Er darf auch im Tode “in Christo” und “bei Christo” sein und sich weiter bemühen, Ihm zu gefallen (1. Thess. 4, 16; Phil. 1, 23; 2. Kor. 5, 9). Er wartet auf den Augenblick der “Auferstehung der Toten in Christo”, der ihm den neuen Leib und damit erst die eigentliche Vollendung bringt, wenn er in Geistleiblichkeit zusammen mit den Lebenden in Christo dem Herrn entgegengerückt wird in die Luft (1. Thess. 4, 15-17).

Jeder Tote aber, der nicht “in Christo” ist, fährt hinab ins “Totenreich” (hebr. Scheol, griech. Hades; von Luther fälschlich oft mit “Hölle” übersetzt). (Das Wort steht im Neuen Testament an folgenden Stellen: Matth. 11, 23; 16 18; Luk. 10, 15; 16, 23; Apg. 2, 27.31; Offb. 1, 18; 6, 8; 20, 13.14.)

Daß dieses Gericht im Totenreich in jedem Falle ein begrenztes bzw. nur vorläufiges ist, geht aus Offb. 20, 13 unzweideutig hervor: “Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.” Auch das Wort der Hanna aus 1. Sam. 2, 6 gehört hierher: “Jehovah tötet und macht lebendig; Er führt in den Scheol hinab und führt herauf.” Spätestens beim Weltgericht über alle Toten vor dem großen weißen Thron werden alle Aufenthaltsräume der Toten geleert und müssen alle vor Gott erscheinen, die nicht schon bei einer der verschiedenen früheren Auferstehungen aus dem Todeszustand entlassen wurden (vgl. auch Joh. 5, 28.29).

Das Gericht im Totenreich hat also in jedem Fall eine zeitliche Grenze, die allerdings für viele zunächst nur der Übergang ist zu dem noch härteren Gericht des Feuersees.

Wesentlich ist nun aber die Frage, ob die Schrift das Gericht im Totenreich nur als schmerzliche Vorstufe eines noch schmerzlicheren Zerschlagungsprozesses sieht, oder auch als Heilsstation oder wenigstens als Wegbereiter neuen Heiles. Anders ausgedrückt: Gibt es nach der Schrift auch Heilserweisungen im Totenreich und heilsame Rettungen aus ihm (also solche, auf die nicht der Feuersee folgt)?

Darauf gibt uns zuerst und vor allem die Hadesfahrt des Herrn selbst eine Antwort. Von Seiner unterweltlichen Heilstätigkeit in der Zeit zwischen Seinem Kreuzestod und Seiner Himmelfahrt sagt uns 1. Petr. 3, 19.20 und 4, 6: “… in welchem (Geist) Er auch hinging und predigte den Geistern, die im Gefängnis sind, welche einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes harrte in den Tagen Noahs, während die Arche zugerichtet wurde …”

“Denn dazu ist auch Toten gute Botschaft verkündigt worden, auf daß sie gerichtet werden möchten dem Menschen gemäß nach dem Fleische, aber leben möchten Gott gemäß nach dem Geiste.”

Diese Worte geben uns in mehrfacher Hinsicht bedeutsamen Aufschluß:

1. Einmal geht aus ihnen deutlich hervor, daß leiblich Tote (um solche handelt es sich ja in beiden Stellen eindeutig, wie auch der Gebrauch des Wortes “Tote” in Kap. 4, 5 beweist) das Organ und das Vermögen besitzen, göttliche Worte aufzunehmen. Sie können demnach nicht ohne Bewußtsein sein; auch sind sie nicht nur als “seelische” Wesen im Hades (daß Tote gelegentlich auch als “Seelen” bezeichnet werden, so in Offb. 6, 9, ist noch kein Gegenbeweis!), sondern wohl als “Geist-Seelen”. Denn die Seele (psyche) und daher auch der sich von seiner Seele leiten lassende “seelische Mensch” kann ja Worte des göttlichen Geistes nicht verstehen (1. Kor. 2, 14 Grundtext), und alle Worte Jesu sind Geist und Leben (Joh. 6, 63). Zudem ist ja in 1. Petr. 4, 6 vom “Geist” eben der Toten die Rede, die im Hades Evangelium bezeugt bekamen, wie auch in 3, 19 von “Geistern”, womit (wie auch in Hebr. 12, 23) durchaus verstorbene Menschen bezeichnet werden können.

Während der Leib eines Verstorbenen im Staube der Erde schläft (Dan. 12, 2; daher der Ausdruck “Entschlafene”), befinden sich Seele und Geist entweder im Totenreich oder bei Christus — je nachdem, ob der Verstorbene “in Christo” war oder nicht.

2. Daß die Botschaft Jesu an die Toten wirklich “gute Botschaft”, Freudenkunde, Evangelium war, geht aus Kap. 4, 6 am klarsten hervor, wo sich im Griechischen das Wort “evangelisieren” findet. Der gekreuzigte Christus hat Toten Sein Heil angeboten.

Zu den angeführten überaus wichtigen Schriftstellen 1. Petri 3, 19.20 und 4, 6 seien noch einige wichtige Zitate gebracht. Sie stammen von Otto Riemann (Chemnitz 1918), Ethelbert Stauffer (Gütersloh 1948), Paul le Seur (Wuppertal 1953), sowie aus einer Schrift von Schellhammer.

“1. Petr. 3, 19.20 und 4, 6 läßt der Verfasser den Erlöser in das Totenreich gehen und Ihn dort den vor Seinem geschichtlichen Auftreten Verstorbenen und nach dem Fleisch Gerichteten das Evangelium verkündigen, damit sie auch nach dem Geiste leben lernten. Es ist aber klar, daß ein solcher Rückblick in die Vergangenheit notwendigerweise auch einen Ausblick in die Zukunft in sich einschließt, denn was der Verfasser der Petrusbriefe für diejenigen nötig gehalten, welche vor dem Erscheinen des Erlösers gestorben, das muß er doch auch für diejenigen nötig gehalten haben, welche nach dem Erscheinen desselben ohne Kunde von Ihm gestorben sind” (Riemann, S. 23).

“Wenn nun, in solchem Zusammenhang der Rede (nämlich auf V. 18 folgend, der ganz allgemein von der erlösenden Tätigkeit Christi für die ‘Ungerechten’ spricht), in den Versen 1. Petr. 3, 19 und 20 dieselbe erlösende Tätigkeit Christi auch auf die Zeit vor Seiner Erscheinung rückwirkend dargestellt ist, so muß ohne Zweifel die Rückwirkung ebenso allgemein aufgefaßt werden als die vorwärts sich erstreckende Wirkung, d. h. was von den Zeitgenossen Noahs gesagt ist, das ist nur beispielsweise gesagt. Was aber in bezug auf die Menschen vor Christus gilt, das muß auch in bezug auf die Menschen nach Christus gelten, sofern sie in diesem Leben entweder gar nicht mit dem Evangelium bekannt wurden oder doch nur auf eine solche Weise, daß die Sünde mächtiger blieb als die Gnade. Denn daß auch auf die Art und Weise, wie das Evangelium an die Menschen herangebracht wird und unter welchen Umständen, für die Entscheidung derselben etwas ankommt, wer wollte das bestreiten! Und daß nicht selten seine Freunde und Vertreter seine gefährlichsten Feinde gewesen sind, wer wollte das leugnen! Und daß auch in der Evangelisation der Menschheit Sünden gen Himmel schreien, welcher Kirchengeschichtskundige und Gegenwartsmensch müßte das nicht zugeben!” (Riemann, S. 23).

“Auch das frevelhafte und ungehorsame Sintflutgeschlecht gehört zu den Hörern der Hadespredigt, auch diesen Menschen öffnet sich noch eine Zukunft. Keiner ist endgültig verdammt. Zu allen kommt die Kreuzesbotschaft, damit sie gerichtet werden möchten dem Menschen gemäß nach dem Fleische, aber leben möchten Gott gemäß nach dem Geiste” (Stauffer, S. 298).

“Weil alle vor Seinen Richterstuhl zu treten haben, muß auch allen das Heil angeboten werden — sei es im Leben, sei es im Tode. Alle müssen das Gericht des Sterbens tragen — im Fleische, aber allen wird der Weg zum Leben gezeigt — im Geiste. Darum hat der Gekreuzigte Toten die Heilsbotschaft verkündigt” (Le Seur, S. 74).

“Ein anderer Einwand: Ja, Jesus hat den Toten gepredigt, aber nicht das Heil, sondern Gericht. Also — eben stirbt der Herr in unfaßbarer Liebe zu den Sündern für uns alle am Kreuz, und dann eilt Er in den Hades, um den toten Sündern zu verkündigen, daß sie ewig verloren seien! Und dazu nimmt Er auch noch den Schächer mit — und nennt das Ganze Paradies! Wäre das nicht eher ein Auftrag für Satan gewesen? — Aber auch der Text selbst verbietet diese Deutung. Das Wort Vers 19, das wir ,predigen’ übersetzen, bedeutet ursprünglich: als Herold die Gottesherrschaft proklamieren … Wem das noch nicht genügt, der achte auf 4, 6, wo das Wort, das wir übersetzt haben: Dazu ist auch Toten die Heilsbotschaft verkündigt, im Grundtext ‘evangelisiert’ heißt. Das ist deutlich genug.” (Le Seur, S. 76.)

“Röm. 10, 14 sagt Paulus: Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie sollen, sie aber hören ohne einen, der predigt? — Kann die unübersehbar große Schar der Toten, die nie vom Heil gehört haben, deshalb verdammt sein? — Oder gilt die Hadespredigt nur denen, die vor Christus gelebt haben? Zunächst gewiß, obwohl es auch damals schon Tote gegeben haben mag, die Ihn gesehen und gehört hatten. Aber ist diese Grenze wirklich denkbar? Sollen z. B. Inder, die vor Christus gelebt haben, solche herrliche Gelegenheit empfangen haben, aber ihre Landsleute, die später lebten, doch ebensowenig von Jesus wissen, deshalb verloren sein? Lebt nicht eigentlich jeder Mensch vor Christus, dem das Evangelium nie ans Gewissen getreten ist? Wir haben keinen Grund, eine Wiederholung der Hadespredigt des Herrn anzunehmen, aber vielleicht Anlaß zu der Hoffnung, daß die Seinen Ihm auch auf diesem Wege nachfolgen dürfen. Wo Er ist, sollen Seine Diener auch sein (Joh. 12, 26)” (Le Seur, S. 81).

“Zur Zeit Jesu verstand man unter den 1. Petr. 3, 19-20 erwähnten abgeschiedenen ‘Geistern im Gefängnis’ jene bußlosen Menschen, die von der Flut verschlungen worden waren. Sie wurden als das unbußfertigste, ärgste und früheste Sündergeschlecht angesehen. Das war die Überzeugung der jüdischen Ausleger. Daher sagten sie, an der zukünftigen Welt habe das Sintflutgeschlecht keinen Anteil … Dann aber ist ja der Erlöser gerade zu den ärgsten Sündern gegangen und hat ihnen die Frucht Seines stellvertretenden Leidens gebracht bzw. angeboten. Wir verstehen nun, warum Petrus gerade die Tatsache des Hingangs Christi zu dem frühesten und gesunkensten Sündergeschlecht gewählt hat. Es ist ein besonders schlagendes Beispiel dafür, wie weit und tief die Segensfolgen des Opfertodes Jesu reichen” (Schellhammer: “Christi Predigt im Totenreich”, München 1949, S.17‑19).

3. Der innere Vorgang im Gericht

Welche Stationen ein Gott widerstrebendes Geschöpf im Ablauf des Gerichtsprozesses durchläuft, zeigen sehr klar die Verse 10-16 aus Ps. 107. Da alles Gericht, wie wir sahen, in gleicher Weise Heilszielen dienen muß, darf diese prophetische Psalmstelle wohl über den Textzusammenhang hinaus für alles Richten Gottes als beispielhaft gelten. Die Verse lauten:

“Die Bewohner der Finsternis und des Todesschattens, gefesselt in Elend und Eisen: Weil sie widerspenstig gewesen waren gegen die Worte Gottes und verachtet hatten den Rat des Höchsten, so beugte Er ihr Herz durch Mühsal, sie strauchelten, und kein Helfer war da. Da schrieen sie zu Jehovah in ihrer Bedrängnis, und aus ihren Drangsalen rettete Er sie. Er führte sie heraus aus der Finsternis und dem Todesschatten und zerriß ihre Fesseln. Mögen sie Jehovah preisen wegen Seiner Güte und wegen Seiner Wundertaten an den Menschenkindern! Denn Er hat zerbrochen die ehernen Türen, und die eisernen Riegel zerschlagen.”

Wir finden in diesen Versen 7 Stationen beschrieben, die der Gottes Wort verachtende Mensch durchlaufen muß, bis er, von seinem Widerstreben geheilt, die Güte Gottes preist:

  1. Er hört das Wort Gottes
  2. Er widerstrebt und verachtet es
  3. Sein Herz wird durch Mühsal gebeugt
  4. Kein Helfer ist da
  5. Er schreit um Gnade
  6. Der Herr errettet ihn und führt ihn heraus
  7. Er preist die erfahrene Güte Gottes

Diese 7 Stationen offenbaren ein Ineinandergreifen von göttlichem und menschlichem Handeln, besser: von göttlicher Aktion und menschlicher Reaktion. Gott schenkt Sein Wort, der Mensch lehnt es ab; Gott beugt sein Herz durch Mühsal, der Mensch schreit zu Gott; Gott errettet ihn, der Mensch preist Ihn dafür. In der Mitte dieses Prozesses aber liegt als vierte und gleichsam als “Krisenstation” ein mehr oder weniger langes Schweigen Gottes: “Kein Helfer war da!”

Wir sehen diese Station bei dem reichen Manne, dessen Bitte um Kühlung seiner Zunge nicht erfüllt wird (Luk. 16, 26). Und der Herr sagt in Matth. 5, 26: “Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.”

Eine furchtbare Station des Gerichtes ist diese vierte. Gott schweigt! Und sie ist um so furchtbarer, als die davon Betroffenen persönlich keine Hoffnung auf eine Rückkehr haben. Wohl ist sie auch die zeitlich längste; ganze Weltzeiten (Äonen) hindurch kann sie dauern (Offb. 14, 11). Gott aber weiß, weshalb Er so lange nicht hilft, und hat Seine weisen Gründe dafür. Es lassen sich mindestens drei Gründe in der Schrift erkennen, die die Notwendigkeit dieser furchtbaren Gerichtsstation darlegen:

Erstens ist das Gericht (wenn auch nicht nur) Strafe. Diese Strafe muß abgebüßt werden. Sie wird je nach der Menge der Sünden, für die zu “bezahlen” ist, nach Dauer und Schwere verschieden sein. (Selbstverständlich ist bei dem “Abbüßen” oder “Bezahlen” nicht an eine sühnende Wirkung hinsichtlich der begangenen Sünden zu denken, wie sie allein Christi Opfertod haben kann; sondern vielmehr an ein “Absitzen” einer verhängten Gefängnisstrafe.)

Zweitens muß das Geschöpf so weit gebracht werden, daß die fünfte Station erreicht wird: “Da schrieen sie zu Jehovah …” Es besteht ein feiner, aber wichtiger Unterschied zwischen einem im Herzen gebeugten und einem nach Gnade schreienden Menschen. Der erstere zeigt an, daß die eigene Kraft geschwunden ist. Aber erst der Schreiende gibt zu verstehen, daß ihn brennend verlangt nach Gottes Gnade. Und der Weg dorthin ist oft weit. Wie viele Menschen sind in den Kriegs- und Nachkriegsjahren durch Gottes Gerichte gebeugt worden — und lehnen doch die Gnade ab! Jetzt gerade wollen sie zeigen, daß sie trotz allem Zerbruch doch noch nicht “um Gnade betteln”!

Und noch ein dritter Grund ist vorhanden für jenes entsetzliche “Und kein Helfer war da”. Auch das Abbüßen der Schuld und das Schreien nach Gnade allein genügen noch nicht. Wenn es einmal zu einer allumfassenden Errettung kommen soll, aus der jeder Rückfall ausgeschlossen sein soll, so muß es vorher gewährleistet sein, daß auch nicht ein Geschöpf mehr Verlangen hat, jemals in seinen früheren Zustand zurückzukehren. Und dafür hat Gott in dieser Station des Gerichtes hinreichend gesorgt. In der anhaltenden Not, in der zunächst kein Helfer da ist (auch wenn ein solcher, wie beim reichen Mann in Luk. 16, gesucht wird), wird es sich jedem Wesen unauslöschlich einprägen, wie furchtbar der eigene, rebellische Weg und seine Folgen waren. In den Gluten des Hades und Feuersees wird ein für allemal jedem darin Gerichteten jegliche Lust vergehen, noch einmal selbsterwählte, eigenwillige Wege einzuschlagen. Darum kann dann auch einmal die Hinkehr zu Gott eine völlige und unwiderrufliche sein.

Auf welche Weise Gott durch Gericht zu retten vermag, welche inneren Vorgänge sich dabei in den Herzen der Gerichteten abspielen, sagt uns auch der Prophet Hesekiel in Kap. 6, 9:

“Eure Entronnenen werden meiner gedenken unter den Nationen, wohin sie gefangen weggeführt sind, wenn Ich mir ihr hurerisches Herz, das von mir abgewichen ist, und ihre Augen, die ihren Götzen nachhurten, zerschlagen haben werde; und sie werden an sich selbst Ekel empfinden wegen der Übeltaten, die sie begangen haben nach allen ihren Greueln.”

Der Gerichtsprozeß wird hier durch 3 Vorgänge gekennzeichnet, die wohl in folgender zeitlicher Reihenfolge ablaufen:

  1. Zerschlagenwerden des Herzens;
  2. Ekel empfinden an sich selbst;
  3. Gottes gedenken.

Zunächst bewirkt Gottes Gericht ein Zerschlagenwerden des abgöttischen Herzens (und der Ausführungsorgane der abgöttischen Herzensneigungen, in diesem Falle der Augen); dieses Zerschlagenwerden mag je nach der “Herzenshärtigkeit” ein leichteres oder schwereres, kürzeres oder längeres Maß an Gericht erfordern. Sodann kommt es zu einer Selbsterkenntnis, die so grauenhaft ist, daß man an sich selbst Ekel empfindet und sich von sich selbst abwendet und sich hinwendet zu Gott und Seiner gedenkt. Die Übereinstimmung mit unserem angeführten Wort aus Ps. 107 ist nicht zu übersehen.

4. Neue Heilsankündigungen nach hoffnungslos klingenden Gerichtsandrohungen

Daß alles Richten Gottes dem Heile dient, möchten viele Kinder Gottes gern gelten lassen, wenn dies bei jeder Gerichtsandrohung der Schrift sofort von Gott hinzugefügt wäre. Insbesondere wünscht man sich dies am Schluß der Offenbarung hinsichtlich des Schicksals derer im Feuersee, vornehmlich Satans. Ja, daß nicht alle Gerichtsandrohungen von vornherein so deutlich mit einer Heilszusage verknüpft sind, wie dies z. B. in Matth. 23, 37-39; 1. Kor. 5, 3-5; Zeph. 3, 8.9 u. a. der Fall ist, wird geradezu als ein Beweis dafür gewertet, daß es bei diesen Gerichten eben keine Hoffnung gebe.

Wir fragen: Ist dies pädagogisch gedacht? Und vor allem: Ist es biblisch gedacht?

Von dem Gesetzlosen steht geschrieben, er “glaube nicht an eine Rückkehr aus der Finsternis” (Hiob 15, 22), und im vorausgegangenen Abschnitt sahen wir, daß der Gerichtsprozeß eine Station absoluter Hilf- und Hoffnungslosigkeit in sich schließt: sie strauchelten, und kein Helfer war da (Ps. 107, 12). Denn erst wo wirklich jede Hoffnung geschwunden scheint, wird auch das härteste Herz auf die Dauer gebeugt und zermürbt und reif für die Rettung.

Es kann deshalb gar nicht im Interesse Gottes liegen, die Wiederherstellung aus allen Gerichten so leicht erkennbar — auch für das natürliche Auge erkennbar — in Seinem Wort auszusprechen, daß es alle Ungehorsamen und Rebellen mit Leichtigkeit aus der Bibel ersehen und daher die Gerichte Gottes noch weniger ernst nehmen können, als sie es jetzt schon tun.

Daher muß über den Gerichten Gottes ein Schleier gebreitet sein — und ist es auch im Worte Gottes — derart, daß aus derselben Schrift Gottes Heilige und Geliebte, denen durch den Geist das Verständnis geöffnet ist, die den Geist der “Hüllenhinwegnahme” besitzen (Eph. 1, 17 Grundtext), und die mit allen Seinen Liebesgedanken vertraut werden sollen, den Heilszweck aller Gerichte Gottes erkennen können, nicht aber jeder Sünder und Ungehorsame dies daraus entnehmen kann.

Daß eine hoffnungslos klingende Gerichtsaussage oder das Fehlen einer Heilszusage im engen Zusammenhang einer Gerichtsandrohung nie und nimmer als Beweis dafür gewertet werden darf, das betreffende Gericht könne daher auch kein Ende bzw. keinen Heilszweck haben, geht aber auch daraus sehr deutlich hervor, daß wir eine ganze Reihe von Fällen in der Schrift haben, wo hoffnungslos klingenden, durch kein Heilswort und keinen Hoffnungsstrahl abgemilderten Gerichtsworten an anderer, meist späterer Stelle plötzlich doch eine ganz klare Wiederherstellungsverheißung folgt!

Wir führen eine Reihe solcher sich scheinbar widersprechender Gottesworte an:

Angesichts dieser Zusammenhänge dürfte es sich dem schriftgläubigen Gotteskinde empfehlen, in dem Gebrauch von hoffnungslos klingenden Gerichtsweissagungen als Argumenten gegen eine Wiederherstellung und Rettung aller viel, viel vorsichtiger zu werden; denn diese Gegenüberstellungen zeigen uns, wie Gott es versteht und verstanden haben will, wenn Er spricht von “unheilbaren” Wunden, von “vernichten, vertilgen, umbringen, umkommen”, von “nicht wieder heraufsteigen”, “nicht mehr erbarmen, vergeben, lieben”!

5. “basanos” und “kolasis”

Diese beiden Worte bzw. Wortgruppen, mit denen gerade die Gerichte Gottes im Totenreich und im Feuersee bezeichnet werden, drücken ihrer eigentlichen Bedeutung nach nicht nur keine Vernichtung oder zwecklose Qual aus, sondern heben den in diesen göttlichen Gerichten liegenden Sinn der Erprobung bzw. Zurechtbringung sogar deutlich hervor.

Im einzelnen handelt es sich um die Ausdrücke “basanizoo” (mit den zugehörigen Hauptwörtern “basanos” und “basanismos”) sowie “kolazoo” (und “kolasis”). Diese Worte werden zumeist mit “Qual”, “Pein” oder “quälen”, “peinigen” übersetzt, doch liegt in ihnen, wie z. B. aus Benselers griechisch-deutschem Schulwörterbuch (Leipzig 1911) ersichtlich ist, mehr und anderes:

Das Wort “basanizoo” bedeutet: “an den Probierstein halten und reiben”, daher auch soviel wie “die Echtheit prüfen” oder überhaupt “prüfen, erproben”. Es begegnen uns im Neuen Testament u. a. in der Frage der Dämonen in Matth. 8, 29: “Bist Du hierher gekommen, vor der Zeit uns zu quälen?“, ferner in Offb. 14, 10, wo es heißt: “Er wird mit Feuer und Schwefel gequält werden vor den heiligen Engeln und vor dem Lamme” und in Offb. 20, 10, wo von der “höllischen Dreieinigkeit” Teufel, Tier (Antichrist) und falscher Prophet geweissagt wird: “Sie werden Tag und Nacht gepeinigt werden hinein in die Zeitalter der Zeitalter.” — Das Hauptwort “basanos” = Probierstein oder Prüfung(smittel) steht u. a. in Luk. 16, 23, wo es vom reichen Manne heißt, daß er “im Hades in der Prüfung (Echtheitsprobe) war”. Das weitere Hauptwort, “basanismos” kommt im Anschluß an die schon genannte Stelle Offb. 14, 10 (wo das Zeitwort steht) dann im 11. Verse vor, außerdem in Offb. 9, 5; 18, 7.10.15.

Der Gerichtsausdruck “kolasis”, der sich in Matth. 25, 46 findet und dort das dem Teufel und seinen Engeln, aber auch den Gottlosen bereitete äonische Gerichtsfeuer bezeichnet, hat nach Benselers griechisch-deutschem Schulwörterbuch die Bedeutung von “Züchtigung, Bestrafung, Strafe, Qual, Pein”; den eigentlichen Sinn des Wortes finden wir bei dem entsprechenden Zeitwort “kolazoo” wie folgt wiedergegeben: “eigentlich beschneiden, stutzen, daher 1.: Einhalt gebieten, einzwängen, bändigen, im Zaum halten, in Zucht halten; Passiv: durch Schaden gewitzigt, durch Unglück gebessert … 2.: meistern, warnen, züchtigen, strafen, bestrafen, und zwar zur Besserung, während es bei “timooreoo” die Aufrechterhaltung des Gesetzes gilt …” Das Zeitwort kommt im NT in Apg. 4, 21 und 2. Petr. 2, 9 vor. —

Wir sehen abschließend: Die Schrift spricht an einer Reihe von Stellen davon, daß Gottes Gerichte Seiner Barmherzigkeit untergeordnet, ihrer Dauer und Härte nach begrenzt und immer zur Wegbereitung von Heil und Rettung bestimmt sind.

Weitere Zusammenhänge zeigten uns den inneren Vorgang im Gericht und führten uns die Tatsache vor Augen, daß auch hoffnungslos klingende Gerichtsaussagen Seinen Endzielen nicht im Wege stehen; Gott vermag auch auf schärfste Gerichtsandrohungen neue Heilsankündigungen folgen zu lassen.

Doch ist auch eine gewisse Keuschheit unverkennbar, die sich die Schrift gerade im Blick auf die großen kommenden Endgerichte verständlicherweise auferlegt, und die wir uns auch auferlegen müssen, um im Gleichgewicht der ganzen Schrift zu bleiben und dem Gericht Gottes seine schneidende Schärfe und seinen durchschlagenden Ernst zu lassen. Es bleibt ja bestehen, daß es “schrecklich ist, (unversöhnt) in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen”, auch wenn nach dem Zeugnis der Schrift auch dieser furchtbare Weg noch in Heil und Rettung mündet. Und nie darf in unserem Glauben oder gar in unserer Verkündigung der Heilszweck aller Gerichte Gottes den Ernst und die Härte des doppelten Gerichtsausganges vergessen lassen. Aber auch das Umgekehrte darf wohl erwartet und gefordert werden: daß man sich bei allem Ernst der notwendigen Gerichtsverkündigung in Evangelisation und Bibelstunde und Predigt doch davor hüte, diesen Ernst durch unbiblische Mittel und Methoden, vor allem durch ständiges Betonen einer Unaufhebbarkeit und Endlosigkeit der göttlichen Gerichte, die die Schrift nicht kennt noch lehrt, über das schriftgemäße, Maß hinaus zu verschärfen, — wie wenn nur schrecklich sein könnte, was endlos ist!

Wir schließen mit einem Gedicht von Adolf Heller:

Dein sind die Tiefen dunkelster Nacht!  
Urquell der Freude, Born alles Lichts,
Ende der Schrecken und des Gerichts,
Freispruch und Vollmacht sind nur in Dir,
Du, aller Welten Verlangen und Zier.
Du bist der Anfang, Ende bist Du,
Führst alle Qualen lindernd zur Ruh,
Stillst alle Nöte wahrhaft und ganz,
Füllst alles Elend mit göttlichem Glanz.
Du, Deines Vaters Eidschwur und Wort,
Du, aller Wesen Heimat und Hort,
Träger der Schöpfung, Herold und Haupt,
Glücklich, wer Deinen Verheißungen glaubt!
Erst wenn der letzte Sünder ist frei,
Ist jeder Jammer völlig vorbei.
Gott wird in allen alles dann sein,
Jubelnd Sich all Seiner Werke erfreun!
Licht und Erlöser, Priester und Fürst,
Der Du Dir alles heiligen wirst,
Dein sind die Tiefen dunkelster Nacht,
Dein sind die Höhen der himmlischen Pracht.
 

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1980/81; Paulus-Verlag; Heilbronn)