Ältere und neuere Stimmen zum Thema „Versöhnung des Alls"

Johann Christoph Blumhardt

Um die Klarheit und Gewissheit der Hoffnungen Blumhardts zu würdigen, darf man ihre Wurzeln, ihre Fundamente nicht über­sehen: seinen beständig auf das ganze Menschengeschlecht gerich­teten Sinn. Wie furchtbar schwer ihm der Jammer der Menschheit, der Jammer des Verlorenseins auf dem Herzen lag, davon macht man sich kaum einen Begriff... Der nun schon jahrhundertealte Jammer der Verlorenen lastete schwer auf seinem Gemüte, und besonders in seinen Adventspredigten bewegte ihn die Frage, ob denn gar keine Aussicht für sie sei. So ein gleichsam aus philosophischer Notwendigkeit erfolgendes Seligwerden war ihm eine willkürliche Erfindung. Aber nun ging ihm in seinem neuen Kampfe ein neues Licht der Hoffnung und des Trostes auf. Er sah sich in seiner Teilnahme für diese Armen von dem Hei­lande überboten in einer ihn beschämenden Weise. Er erfuhr, daß Er als der Lebendige, als das Haupt Seiner Gemeinde auf Erden entschlossen ist, das Verlorene zu suchen, wo Er es findet, und wäre es auch in den tiefsten Verliesen des Verlorenseins... „Ich glaube", so sagte damals Blumhardt gerne, „an Jesum Christum, der vom Himmel kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, aber wohlgemerkt: nicht h i n zurichten, sondern herzurichten". (Aus der Biographie von Friedrich Zündel: Johann Christoph Blumhardt. 16. Auflage, Gießen 1954.)

Gerhard Tersteegen

Gerhard Tersteegen fuhr einst auf dem Postwagen nach Holland, wo er viele bedeutende und vortreffliche Freunde hatte, die er zuweilen besuchte; nun saßen zwei Holländer vor ihm, deren ganzes Christentum dem Ansehen nach im Reden und Worterkenntnis bestand. Diese schwatzten hin und her, der eine behaup­tete die Wiederbringung aller Dinge, der andere kämpfte dage­gen; bei diesem Streit sahen sie oft Tersteegen an, der ganz still hinter ihnen saß und einen großen Eindruck auf sie machte. Seine ganze Erscheinung trug das Gepräge eines großen Mannes, und aus seinem Angesichte leuchtete eine solche geheime Majestät, wie sie nur wahren Kindern Gottes eigen ist. Die beiden Holländer hätten gern sein Urteil über ihren Streit gehört, ob sie ihn gleich nicht kannten; als daher der eine die Wiederbringung mit dem bekannten Spruch: „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen" zu Boden schlagen wollte und sich mit Selbstgefälligkeit zu Tersteegen kehrte und ihn fragte: „Was sagen Sie dazu, mein Herr", so antwortete Tersteegen mit der ihm gewöhnlichen Ruhe: „Es ist wahr, mein Herr, wie der Baum fällt, so bleibt er liegen; aber es steht in des Hausvaters Wohlgefallen, aus demselben zu machen, was ihm gefällt."

(„Der Universalismus, das heißt: Gott Alles in Allen. Schriftgemäße Lehre von der Wiederbringung aller Dinge, vermehrt mit Auszügen von Schriftstellern ... ", Stuttgart 1861.)

Andrew Jukes

Gott übergibt selbst Christen dem Satan zum Verderben ihres Fleisches, damit sie auf diese Weise das lernen, was die Gnade sie nicht gelehrt hat. Wenn wir weiterer Beispiele bedürfen, so sehen wir an Nebukadnezar, wie das Gericht an dem Menschen das zuwege bringt, was die Güte nicht erreichen konnte. Mit Gaben reich gesegnet, verliert er durch Selbstüberhebung seinen Verstand. Das Heilmittel besteht darin, daß er wie ein Tier wird. Und als ein Tier lernt er dann, was er als Mensch nicht gelernt hatte (Dan. 4,29—34).

Gnade rettet nur solche, die verdammt sind; und erst, wenn wir das „Amt des Todes und der Verdammnis" gefühlt haben, erkennen wir völlig das „Amt des Lebens und der Gerechtigkeit".

(„Einwürfe gegen die Allversöhnung", Klosterlausnitz 1927.)


Theodor Böhmerle

Kommt der Tag der Offenbarung Christi an Judentum und Welt, dann ist es der Leib Christi, welcher in die ganze Kreatur die Lebenskräfte Christi eingießt. Gleichwie in diesen jetzigen Zeiten Satan und seine Geister den Todeseinstrom bewirken, so bewirken, nach Außerkurssetzung Satans, die Kinder Gottes den Lebenseinstrom. Darum wird auch der Charakter der Elemente, der Pflanzen und der Tiere ein anderer, weil ein göttlicher Lebens­einstrom in ihnen mächtig wird durch die Kinder Gottes. („Die Gemeine und ihre Glieder", verfaßt 1925—1926.)

Pfarrer Steinheil

... Widersprüche haben auch die, welche behaupten, daß die Wiederbringung der menschlichen Freiheit keinen Spielraum lasse und dadurch das vernichte, was den Grund unseres moralischen Lebens ausmacht. Aber eben dadurch, daß sie unsere Freiheit, verloren zu gehen, so sehr betonen, beeinträchtigen sie die Freiheit unseres himmlischen Vaters, uns zu retten. („Der Universalismus, das heißt: Gott Alles in Allen", Stuttgart 1861.)

Karl Geyer


(1893—1955)

Wer die Allversöhnung leugnet, macht das Relative zum Absolu­ten und das Absolute zum Relativen; das heißt, er macht das Ge­schöpf und sein Tun zum Maßstab des Ewigen und nicht den Schöp­fer und Sein Tun zur Grundlage und zum Ziel des gesamten Welt­geschehens. Die wahre Liebe, die Liebe aus Gott, ist allumfassend und will nie den Teil. Sie benutzt den Teil, um das Ganze zu erlangen; denn wenn der Erstling, der Anbruch, der Teig heilig ist, dann auch die Masse, das Ganze.

Nur Ganzheitswollen ist Liebe aus Gott. Alles andere ist religiöser Separatismus, ist Selbstzweck des Teiles, ist Sektiererei. Trennung vom Ganzen aber führt in Verkümmerung, Zerfall und Tod. — Wer nur den Teil will, dient dem Zerstörer, dem Teufel. Wer Gott will, kann nur das Ganze wollen, wie Er es auch will.

Adolf Heller

(1895—1973)

(Aus einem Vortrag über Jesaja 9)
Wir lesen am Anfang des 9. Kapitels des Propheten Jesaja: „Nicht bleibt Finsternis ..." — Das ist ein gewaltiges Wort! Es gibt Dinge, welche bleiben, unvergänglich sind, niemals enden, nie ihren Charakter und ihr Wesen verlieren, und es gibt andere Dinge, die bleiben nicht, die vergehen und zerfallen, zerbrechen in sich selbst, und dazu gehört auch die Finsternis; dazu gehört auch die Sünde; dazu gehört auch der Tod. „Nicht bleibt Finsternis." Diese drei Worte können dem, der anfängt, etwas zu ahnen von ihrer Weite und Tiefe, zu einem unaussprechlichen Trost werden. — Wenn du in Finsternis steckst, Bruder und Schwester, wenn dein Herz belastet und gequält ist, dann glaube: Nicht bleibt Finsternis, oder umgestellt: Finsternis bleibt nicht. Aber es gibt Dinge, die bleiben, hören nimmer auf. Wisst ihr etwas, das nimmer aufhört? (Zuhörer: die Liebe.) Jawohl, die Liebe Gottes höret nimmer auf! Auch Gott hört nicht auf und ändert sich nicht. Er bleibt derselbe, voll abgrundtiefen Erbarmens, voll von Inbrunst und Zu­neigung, von Kräften und Segnungen, von Güte und Barmher­zigkeit, die kein Menschenmund auszusprechen vermag. („Gottes wunderbares weltweites Heil", Paulus-Paperback 2, Paulus-Verlag Karl Geyer.)

Karl Hartenstein

Wir müssen unseren Ort unter dem Kreuz des Herrn wählen. Dort ist das Größte zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfung und Vollendung geschehen, die Versöhnung der Welt, ja, wie Paulus zu sagen wagt, die Versöhnung des Alls. Jeder von uns, der zu Jesus Christus gefunden hat, hat Ihn am Kreuz gefunden. Was aber für dich und mich gilt, das gilt nach der Schrift für alle, gewiß nicht mechanisch, aber nach dem Willen und Plane Gottes. Gewiß durch die Gerichte hindurch. Eine Allversöhnung ohne das volle Zeugnis der Gerichte Gottes in dieser Zeit und im neuen Äon ist schwere Irrlehre. Wie könnte die Überwindung der Sünde, des Teufels und des Todes anders geschehen als durch die Gerichte hindurch? Aber die Gerichte Gottes sind, wie ich glaube,
Bestand
teil des Rettungsplanes Gottes.

Daß wir im Blick auf diese quälenden Fragen und Nöte (nämlich was denn Gott mit den Völkern vorhabe, die in diesem Äon nicht mit Seinem Worte erreicht wurden oder Seinem Wort widerstreb­ten) uns an die allerletzte Verheißung des Herrn halten dürfen, daß „Gott alles in allem sein" werde, dies gibt dem Leben und Zeugnis eines Christen, dem Glauben und der Hoffnung der Gemeinde eine weltüberwindende Kraft. (Prälat Karl Hartenstein in „Heilig dem Herrn", 15/1952.)

Amalie Sieveking


Wiederholt muß ich mich über einen Gegenstand aussprechen, der mir so sehr am Herzen liegt... es betrifft die Frage von der ewi­gen Verdammnis. Vorher muß ich eine Nachricht erwähnen, nach welcher eine Mutter ihre Kinder im Wahnsinn geschlachtet habe, um sie selig zu machen. Wäre die Voraussetzung richtig: ginge das neugeborene Kind nach seinem Tode, ohne irgendeinen Zwischenzustand durchzumachen, sogleich in die Wohnungen ewiger Seligkeit ein, und würde andererseits jede Seele, die in ihren Sünden stirbt, zu ewiger Pein verdammt, dann könnte ich freilich in dem Verfahren jener Unglücklichen keinen Wahnsinn, sondern nur die höchste Selbstverleugnung mütterlicher Liebe wahr­nehmen. Aber gerade das Ungeheuerliche solcher Voraussetzung scheint mir ein schlagender Beweis gegen die traurige Lehre von der ewigen Verdammnis... Nein, nein, bis zu meinem letzten Atemzuge werde ich mich mit aller Kraft gegen eine Ansicht der Dinge auflehnen, die in meinen Augen zur Gotteslästerung führt... („Der Universalismus, das heißt: Gott Alles in Allen". Stuttgart 1861.)

Richard Imberg

Im Gericht, das Gott in Seinem Sohn an Sich vollzog, hat die Welt ihr Gericht empfangen. Nun ist der Heilige Geist auf dem Plan, um uns den Sinn dieses Gerichtes als Gnade für jeden und alle zu erklären und um uns die Liebe erkennen zu lassen, die der tiefste Grund von Golgatha und Ostern ist. Gott sei Dank, daß die Auf­erstehung Jesu Christi Anbruch einer neuen Schöpfung ist, auf die hin die Welt angelegt, zu der hin sie geschaffen wurde! Wie sehr wir auch unter der Vergänglichkeit dieser vergehenden Welt seufzen mögen, vor uns steht im unerschaffenen Lichte Seiner Liebe Gott selbst. Und nun dürfen wir in diesem Lichte leben, dürfen die Welt und uns von der Liebe Gottes in Christo umfan­gen und gehalten wissen, bis auf jenen Tag, da wir „Ihm gleich sein werden, weil wir Ihn sehen werden, wie Er ist" (1. Joh. 3, 2). („Theologie für jedermann", 2.—3. Folge, Evangelischer Verlag AG Zollikon/Schweiz 1959.)

Karl Barth


Ich nehme keinen Anstand, zu bekennen: in dem Sinn, in welchem er (Richard Imberg) die „Allversöhnung" vortrug und in dem man sie auch in diesem Heft vertreten findet, sage auch ich (wenn auch mit einigen bei ihm nur angedeuteten Kautelen — Vorbehalten) fröhlich und bestimmt ja zu dieser Sache. (Im Geleitwort von Prof. Karl Barth zu „Theologie für jedermann" von Richard Imberg, 2./3. Folge, Evangelischer Verlag Zollikon/Schweiz 1959.)

Wilhelm Michaelis


Bei der Allversöhnung handelt es sich ... nicht um eine Spe­kulation, die keinen direkten Schriftgrund besitzen würde. Es handelt sich um ein Zeugnis, das direkten Schriftgrund hat . . . Die Schrift liefert uns auch nicht nur Prämissen (Voraussetzungen), um es uns dann zu überlassen, die „logischen Konsequenzen" zu ziehen. Sie bezeugt ihrerseits unmittelbar eine Allversöhnung. Dieses ihr Zeugnis läßt sich auch nicht an den Rand der Schrift verdrängen ... Die Allversöhnung wird vielmehr in der Schrift an den verschiedensten Stellen und mit bemerkenswerter, zudem durch keine „Lehre von der ewigen Verdammnis" gestörter Ein­mütigkeit bezeugt. („Versöhnung des Alls", Gümligen bei Bern 1950.)

Kurt Hütten

Wir sollten — das zeigt auch das ausgezeichnete Buch „Die Ver­söhnung des Alls" von Prof. Dr. W. Michaelis, Bern — die All-Versöhnungslehre aus ihrer theologischen Verfemung befreien und zugestehen, daß sie tatsächlich in der Heiligen Schrift bezeugt ist. (Buchbesprechung im „Deutschen Pfarrerblatt" 1952/15.)

Ethelbert Stauffer


Paulus spricht von der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes, an der in der kommenden Weltzeit alle Kreatur teilhaben soll (Rom. 8, 21). Das ist nach Rom. 9 ff. das Endziel der göttlichen Prädestination (Vorherbestimmung) und der endgültige Triumph der göttlichen Willensmächtigkeit,
daß Gott niemanden
zwingt und doch niemanden aufgibt, daß Er alle gewinnt. Keiner wird vergewaltigt. Aber auch der Verstockteste wird zuletzt über­wältigt durch die übermächtige Herrlichkeitsoffenbarung Gottes. Dann hat der Gott, der die Freiheit liebt und die Freien will, das letzte Nein überwunden. Dann hat die Kreatur ihre Freiheit ge­funden im freien Ja zu Gott. Dann ist Gott ein und alles in einer befreiten Schöpfung.
(Prof. E. Stauffer in „Die Theologie des Neuen Testamentes", 4. Auflage, Gütersloh 1948)

Walter Künneth

Die Allmacht der Liebe und der Gnade Gottes kommt nicht zur Ruhe, bis ihr letztes Ziel erreicht ist. Die bei den einzelnen partiell und stufenmäßig anhebende Erwählung Gottes führt über die Gemeinde, endet aber auch nicht in der Erwählung der Völker-und Heidenwelt, sondern hat zum Zielpunkt auch die Erwählung und Zurückführung der gottlosen, verlorenen Menschheit. Dieses Wunder der Erwählung hebt den Entscheidungscharakter des Glaubens nicht auf... Die Erlösung und die Herrschaft des „Sohnes" kommen erst dann zum Ziel, wenn „alle Feinde" sich zu Christus als ihrem Herrn bekennen. Dieses Christusbekenntnis ist erst dann universal und gültig, wenn auch die Menschen in ihrer heillosen und verdammten Verlorenheit sowie die christusfeindlichen Ge­walten aus ihrer selbstverschuldeten Qual freiwillig zurückgefun­den haben. Es geht um die endgültige Realisierung der Freiheit der Umkehr, des neuen Gehorsams, der Ermöglichung neuer Erkenntnis, die zum vollgültigen Bekenntnis heranwächst. Das Blut des Weltheilandes und Sein Auferstehungssieg haben Gültigkeit auch für die Gottlosen, für den Kosmos, für „ta panta" (das All). (Prof. W. Künneth in „Theologie der Auferstehung", München 1951.)

Adolf Köberle


Man muß zur Ehre der Allversöhnungstheologen sagen: Sie haben bei ihrer universalen Heilsschau den Gerichtsgedanken keineswegs ausgeschaltet, sondern kräftig miteingebaut. Immer wieder wird hier betont: Wer jetzt dem göttlichen Ruf zur Umkehr und Heim­kehr in Gott ausweicht, sei es aus Stolz oder Leichtsinn, wird es bitter bereuen, er wird es unter tausend Schmerzen bezahlen müs­sen, weil durch Aufschieben und Nachholenwollen in der Welt noch nie etwas besser geworden ist. Aber es wird gleichwohl daran festgehalten: Gott ist nicht der große Kaputtmacher, sondern der Alles-zurecht-Bringende. (Prof. Köberle in „Stuttgarter Ev. Sonntagsblatt" 8/1957.)

Nachwort von Heinz Schumacher


Eine biblische Wahrheit steht und fällt nicht mit der Anzahl von Männern oder Frauen, die sie vertreten — seien es Theologieprofessoren, Pfarrer, „Laienprediger" oder schlichte Forscher im Bibelwort. Dennoch ist es bedeutsam und sollte sorgfältig registriert werden, daß nicht allein bedeutende Männer aus den Reihen der „schwäbischen Väter", sondern auch gewichtige Vertreter der evan­gelischen Theologie, und zwar solche, die an die leibhafte Auferstehung und tatsächliche Erhöhung und Herrschaft Jesu Christi glauben, sich zur „Versöhnung des Alls" bekennen. Zwar sollte nie leichtfertig, ohne den Ernst der Entscheidung und des Gerichts, von ihr geredet werden, erst recht nicht rechthaberisch, hochmü­tig, oder nach Art billiger Schlagwörter. Doch aufgrund des biblischen Zeugnisses darf doch auch ohne Angst und Beklemmung zu gegebener Zeit von ihr gesprochen werden, als von dem „Ge­heimnis des Willens Gottes", das der Vater Seinen Kindern in Liebe geoffenbart und zur Verwaltung anvertraut hat.

Quelle: Buch von Heinz Schumacher
Titel: ...und Gott wird sein alles in allen.